Rezension „The Lifeboat Clique“ von Kathy Parks: die Null in 2018

Mein Lesejahr 2017 endete mit einer ganzen Reihe toller Bücher. Aber mit meinem ersten Griff ins Bücherregal im neuen Jahr endete dieser gute Lauf.

Wieso dieses Buch?

Als ich mir überlegt habe, welches Buch ich in 2018 als erstes lesen würde, ist meine Hand automatisch zu „The Lifeboat Clique“ gewandert. Ich wollte etwas Leichtes, Witziges; ich hatte gerade den neuen „Jumanji“ gesehen (der überraschend lustig war) und dadurch Nostalgie für Geschichten à la „Breakfast Club“ gespürt: Geschichten über eine Gruppe von Highschool-Kids, die sich nicht ausstehen können und doch zusammen einen Nachmittag (oder auch ein ganzes Abenteuer in einem Videospiel) überleben müssen.

„The Lifeboat Clique“ von Katy Perks scheint auf den ersten Blick genau das zu sein, was ich mir gewünscht habe. Eine Gruppe Jugendlicher feiert eine illegale Party am Strand, als sie von einer Tsunamiwelle überrascht und aufs Meer hinausgeschwemmt wird. Die Gruppe muss dort zusammen überleben, auch wenn zwischen ihnen viel böses Blut herrscht.

Im Deutschen erschien der Roman vor knapp einem Jahr beim Arena Verlag unter dem Titel „Echt mieser Zufall oder Wie ich einen Kuss wollte und beinahe dabei draufging“, was wieder zeigt, dass deutsche Verlage viel kreativer in ihrer Titelvergabe sind. Auch das Cover finde ich passender, da es die optimale Mischung aus lächerlichen Charakteren und Details  der Geschichte darstellt, auf die ich durch das Original-Cover nicht vorbereitet gewesen war. 

Mein Leseerlebnis lässt viel Luft nach oben

Ich bin nie warm geworden mit diesem Buch. Der Schreibstil war in Ordnung, der Roman ließ sich leicht lesen. Leider haben Plot und Charaktere immer wieder für ein Augenrollen oder genervtes Stöhnen gesorgt. Die Gruppe Jugendlicher auf dem Boot ist mit jedem Klischee, das man sich denken kann, ausgestattet.

Da gibt es den dummen Frauenheld, der sich für die anderen aufopfert, weil er sich selbst nicht gerade stillschweigend leidend „the man“ nennt und dabei im Delirium nur über seinen „kleinen Freund“ reden kann.

Die Bitch, die anscheinend keine einzige gute Qualität an sich hat und sogar in einer lebensbedrohlichen Situation noch auf den Losern herumhackt.

Die beste Freundin und Sidekick der Bitch, dumm wie Brot, was sie jedes Mal, wenn sie den Mund öffnet, beweist. Ich schwöre, solche Menschen gibt es einfach nicht. „Mean Girls“ lässt grüßen.

Natürlich ist da noch der Schwarm, der eine heiße, beliebte Junge, der das hässliche Entlein sieht, wirklich sieht, und sie zur fatalen Party am Strand einlädt.

Ich versteh schon, dass die Autorin unterschiedliche Charaktere auf dem Boot haben wollte, die man durch ihr Verhalten und ihre Sprache und ihre Macken voneinander unterscheiden kann – und das hat sie auch geschafft –, aber es jedes Mal so dick aufzutragen, machte jeden der Jugendlichen für mich unrealistisch und unnahbar.

Dem Ganzen gegenüber steht die Protagonistin, Denver. Ihr ausgefallener Name zeigt jedem von der ersten Seite an, dass sie anders ist und nicht so oberflächlich wie die anderen Kids aus L.A. (was sie auch nie müde ist, zu erwähnen). Ich bin immer für eine Protagonistin zu haben, die nicht auf den Mund gefallen ist, aber diese Mischung aus geprügelter Hund, der nur die Liebe und Anerkennung der anderen Schüler und ihrer ex-besten Freundin wünscht, und auf alle anderen herunterschauenden, neunmalklugen Überlebensexpertin (weil jeder Schüler ohne Freunde natürlich nur zu Hause sitzt und Naturfilme sieht) ging mir ziemlich auf den Keks.

Als großer Antagonist der Geschichte rettet sich auch Abigail, die ex-beste Freundin von Denver, auf das Boot. Sie hat Denver vor einem Jahr fallengelassen – für die „It“-Clique, für Ruhm, Partys, das Übliche. Sie fand ich noch mit am Schlimmsten von allen, da ich die ehemalige Freundschaft zu Denver kein bisschen nachvollziehen konnte. Eine solche einseitige, diktatorische Beziehung als anzustrebendes „Davor“ darzustellen, finde ich erschreckend. Denver war jahrelang einfach nur der Handlanger von Abigail, um deren Traum einer Fußballkariere wahr werden zu lassen, ein Schatten, der nicht für sich selbst denken konnte und gänzlich in der Freundschaft verloren ging. Meiner Meinung nach war es das beste für Denver, dass sie aus dieser Beziehung (wenn auch unfreiwillig) entkommen konnte. Stattdessen hat sie den ganzen Roman versucht, wieder auf guten Fuß mit Abigail zu kommen und endlich, endlich von der It-Clique akzeptiert zu werden.

Dabei gibt es scheinbar an ihrer Schule keinen einzigen Mensch, der auch nur ansatzweise akzeptabel ist. Und auch auf der Party sind alles nur fiese, dumme, unfreundliche Mitschüler – sogar für die Heilige der Klasse hat Denver nur böse Worte übrig, obwohl das Mädchen sich als einzige zu ihr setzt und versucht, sie in die Party zu integrieren.

Vielleicht ist das alles ein Versuch der Autorin, keinen der Charaktere sympathisch wirken zu lassen, sodass es nicht allzu schlimm ist, wenn man allen beim Sterben zusehen darf – oh nein, jemand wird von einem Klavier durch die Wand geschmettert, aber die war ja eh nur fies zu Denver … elendig verdurstet, schon blöd, aber halb so schlimm, der hätte Denver mal lieber zu Partys einladen sollen. Sogar ihr Schwarm kriegt noch sein Fett weg (Vorsicht, kleiner, nicht wirklich wichtiger Spoiler), indem die anderen Kids Denver erzählen, dass er sie nur eingeladen hat, um eine Wette zu gewinnen (hallo, „Eine wie keine“). Soll man jetzt weniger um ihn trauern? Die Autorin hat es in keiner Weise geschafft, ein solch schweres Thema richtig rüberzubringen. Die sarkastische Stimme von Denver schlägt einem als Leser nur auf den Magen und ließ meine Mundwinkel nach unten sinken und mich meine Stirn kräuseln.

Als das große Sterben dann vorbei ist und die Kids auf ihrem Boot umherdümpeln, passiert nicht mehr viel – als Setting ist ein solches eben nur eine gute Idee, wenn die Persönlichkeiten der Gestrandeten für genug Futter sorgen, aber bei solch schwachen Charakteren fehlt es einfach an allen Ecken und Enden.

Die ganze Zeit sollen einem Flashbacks die Figuren näher bringen und erklären, wie Denver und Abigail in ihre missliche Lage gekommen sind, aber auch hier folgen nur Klischee auf Klischee und typische Szenen aufeinander, die aus verschiedensten Highschoolfilmen zusammengeschnitten sein könnten. Unter anderem die Loserin, die nicht gut in Sport ist, die bösen Cheerleader, die Party, die aus Rache an den bösen Eltern geschmissen wird, und und und (und warum kennen Amerikaner gerade einmal eine einzige Fußballerspielerin? Es gibt doch wohl noch mehr dort draußen als Mia Hamm!).

Katastrophe und humorgefüllte Jugendbücher passen einfach nicht zusammen. Ich empfand die Verarbeitung des schrecklichen Ereignisses als makaber und geschmacklos. Besonders schön war es zu lesen, als die Bitch meint, Denver könne ja an ihrem Tisch in der Cafeteria sitzen, wenn sie gerettet würden, da ja jetzt Plätze frei wären.

… JA, WEIL EURE MITSCHÜLER GESTORBEN SIND! …

Vorsicht Spoiler folgen:

Warum ich den Roman bis zu seinem bitteren Ende gelesen habe? Vielleicht habe ich ein Aha-Erlebnis à la „Life of Pi“ erwartet.

Stattdessen folgte ein tränenreiches Zusammenkommen der beiden Ex-Freundinnen, die sich doch tatsächlich trauen, zu behaupten, dass dadurch etwas Gutes aus der Tragödie entstand. Ja, wow. Danke dafür. Es sind unzählige Menschen ums Leben gekommen, aber wenigstens habt ihr zwei euch wieder zusammengerissen. Vor euren Augen sind Leute gestorben, ihr musstet eure zu dem Punkt unverständlicherweise als Freunde betitelten Erzfeinde begraben, aber immerhin scheint ihr keine schweren posttraumatischen Störungen durch all das davongetragen zu haben. Happy End.

Fazit

Unverständlicherweise hat dieser Roman sehr viele guten Bewertungen erhalten. Ich kann darüber nur den Kopf schütteln. Das einzig Gute: Ich werde meine Regel ignorieren, die besagt, dass ich kein Buch weggebe, da ich es vielleicht irgendwann noch mal lesen wollen könnte. Dieses Buch wird sich – zusammen mit dem enttäuschendsten Buch vom letzten Jahr („Everything, everything“) – ein neues Zuhause suchen müssen, und ich werde somit wieder etwas Platz im Regal bekommen. Silver Ligning, richtig?

Plot:              bewertungbewertungminusbewertungminusbewertungminusbewertungminus

Charaktere: bewertungbewertungminusbewertungminusbewertungminusbewertungminus

Schreibstil: bewertungbewertungbewertungbewertungminusbewertungminus

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Rezension „Nur mal schnell das Mammut retten“ von Knut Krüger: Einhörner sind out – ich will einen Norbert!

Es ist schon etwas her, dass diese süße Geschichte auf den Markt gekommen ist. Aber so kurz vor Weihnachten sucht sicherlich noch der eine oder andere von euch ein Geschenk – „Nur mal schnell das Mammut retten“ von Knut Krüger, bei dtv junior erschienen, ist definitiv zu empfehlen!

(Und da es eine Szene gibt, in der es ziemlich eisig zugeht, passt es auch schon fast wieder zur jetzigen Jahreszeit.)

mammutEs war einmal ein Mammut …

Das Kinderbuch von Knut Krüger handelt von drei Freunden, die eine unglaubliche Entdeckung machen. Mitten im Wald stolpert Henry doch tatsächlich über ein eingefrorenes Mammut! Er und seine Freunde Finn und Zoe sind gleich Feuer und Flamme, das Mammut mit nach Hause zu nehmen, es aufzutauen und zu behalten. Die Eltern sollten davon am besten nichts erfahren – die würden dem nie zustimmen! Nur gut, dass sie gerade verreisen und an ihrer statt die schwerhörige Oma Scarlett auf Henry aufpasst. Ebenso gut: Dass Norbert, wie sie den haarigen Mitbewohner nennen, ein kleines Mammut ist, ansonsten würde es gar nicht ins Haus passen und alles kaputt machen. Natürlich schafft es Norbert trotzdem, einigen Unsinn anzustellen. Und dann wird er plötzlich krank! Ist ihm vielleicht zu heiß? Ohne lange zu überlegen, machen die drei Freunde sich mit dem Zwergmammut auf in die Berge. Ob das mal gut geht?

Es geht doch nichts über ein Mammut

Vor einiger Zeit mochten noch Einhörner in gewesen zu sein. Ich boykottiere das hiermit und sage: Ich will einen Norbert. So ein flauschiger Rüssel ist beim Kuscheln doch viel angenehmer als ein spitzes Horn. Außerdem beschreibt Knut Krüger den Wirbelwind so herzerwärmend, dass man direkt losziehen möchte, um selbst einen zu finden. Auch die anderen Figuren sind mir ans Herz gewachsen und ich habe nur zu gerne verfolgt, wie die Freunde das Mammut erst kennen- und dann lieben lernen.

Freundschaft, Abenteuer, Krimi

Ein Buch über die Freundschaft eines Jungen zu einem Mammut wäre für mich schon genug gewesen. Norberts Sperenzchen zu verfolgen war einfach nur amüsant und kurzweilig. Doch dann entwickelt sich die Geschichte noch zu einem richtigen Krimi, inklusive plötzlicher Krankheit, einer Entführung und … Zitronen?

Knut Krüger entführt einen mit seinem Kinderbuch in eine Welt, wo Unmögliches Möglich wird und man nur zu gern wieder Kind ist. Die Geschichte rast nur so über die Seiten, die Zeit fliegt dahin und ich als Leserin konnte gar nicht mehr genug von Norbert und Co. kriegen.

Fazit

Allein die Idee von Norbert hat mich begeistert. Die Geschichte, die Wortwahl und die dazugehörigen Illustrationen haben dann ein Übriges getan, so dass ich sagen kann: „Nur mal schnell das Mammut retten“ ist ein unbedingtes Muss im Bücherregal!

Plot:              bewertungbewertungbewertungbewertungbewertungminus

Charaktere: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

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Ein Freund für das Mammut

Gott sei Dank muss ich nicht mehr allzu lange ohne weitere Geschichten um Henry und seine Freunde sein. Schon am 20. April 2018 geht es für die Freunde auf zum nächsten Abenteuer, in Knut Krügers neuem Kinderbuch „Nur mal schnell das Faultier wecken“. Und natürlich ist Norbert auch wieder mit von der Partie!

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Fazit #meinbuchimnovember: Rezension „Mein Buch“ von Katja Scholtz

Der Dezember ist schon wieder über eine Woche alt und somit ist auch meine Instagram-Aktion #meinbuchimnovember vorüber.

Erschienen ist die DIY-Schreibhilfe „Mein Buch – 100 Dinge, über die du schreiben kannst“ von Katja Scholtz am 25. September 2017 beim Diana Verlag.
Meine Prämisse für die Aktion: Das Schreiben wieder mehr und aktiv in meinen Alltag integrieren.

Nicht jeder schafft es auf über 1.000 Wörter am Tag, wie es beim NaNoWriMo verlangt wird – oder hat die ausgereifte Romanidee zur Hand. Mit fast zwei Dutzend Ideen aus „Mein Buch“ wollte ich mir selbst, aber auch meinen Lesern einen Anstoß geben, wieder mal zur Feder (bzw. zum Computer) zu greifen.

Auf meiner Instagram-Seite sind alle Promps und Posts zu sehen; auch zu finden unter dem Hashtag #meinbuchimnovember.

Die Umsetzung und Verpackung

Die Schreibanstöße dieses DIY-Projekts wurden im handlichen Buch verpackt, das in jede Tasche passt, und mit schönen Illustrationen von Pascal Cloëtta verziert. Dabei fand ich das krasse Blau des Umschlags zuerst etwas abschreckend. Von alleine hätte ich in der Buchhandlung wohl nicht danach gegriffen. Wenn man es jedoch aufschlägt, fühlt man sich direkt dazu veranlasst, ein paar Sätze oder Skizzen niederzuschreiben und Ideen festzuhalten.

Instagram-Aktion nur ein Anstoß

Die Idee war es, jeden zweiten Tag einen Writing Prompt, eine Anregung zum Schreiben, zu posten und die darin verpackte Aufgabe zu meistern – egal, was gerade im Alltag alles ansteht. Letzten Endes habe ich es drei Viertel des Monats geschafft, mich an diese Vorgaben zu halten. Es hat super viel Spaß gemacht, die passenden Aufgaben für besagte Tage herauszusuchen und Fotos davon zu machen, aber (natürlich und vor allem), die Aufgaben so gut es geht zu meistern. Bei manchen war ich erfolgreicher als bei anderen. Vor allem bei den Prompts, wo man ins Blaue hineinschreiben konnte, ohne große oder spezifische Vorgabe, haben mir persönlich am meisten gebracht. Ich brauche einfach diese Freiheit, weswegen ich irgendwann auch keine weiteren Aufgaben aus dem Buch genommen habe, sondern mich wieder meinen eigenen Romanideen zugewandt habe, die entstaubt wurden und wieder im Vordergrund meines Hirns Platz weggenommen haben.

Fazit

Man kann also sagen: Challenge geschafft, Schreiblust wurde aktiviert. Für mich war es wichtig, wieder regelmäßig zu schreiben, nicht mehr auf die Muse zu warten (die ist nämlich sehr wankelmütig und verspätet sich dauernd!), aber auch den inneren Lektor auszuschalten und einfach mal die Wörter aufs Papier fließen lassen!

Die #meinbuchimnovember-Aktion gibt euch einen exklusiven Einblick in die Schreibhilfe. Wer noch mehr ausprobieren möchte, muss sich das Buch dann doch selbst holen. Es lohnt sich auf jeden Fall.

Ich wünsche spritzige Dialoge, unerwartete Wendungen und atemberaubend spannende Ideen. Oder auch einfach nur Spaß!

Idee:              bewertungbewertungbewertungbewertungbewertungminus

Umsetzung: bewertungbewertungbewertungbewertungminusbewertungminus

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Dank

Ich danke dem Diana Verlag für das Rezensionsexemplar.

Rezension „Das Haus ohne Männer“ von Karine Lambert: Das Buch hat alles … außer Männer

Im Oktober erschien dieser bunte Lesegenuss beim Diana Verlag. Eine Übersetzung aus dem Französischen von Pauline Kurbasik, lädt Karine Lambert den Leser nach Paris zu einem ganz besonderen Haus ein: einem Haus ohne Männer.

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„In unserem Leben gibt es keine Männer, weil wir das so wollen“*

In diesem Haus gibt es nur eine Regel: kein Mann darf es betreten. Bisher haben sich die Bewohnerinnen des Hauses mitten in Paris alle daran gehalten. Denn sie alle haben der Liebe abgeschworen. Als eine Wohnung frei wird und die junge Juliette einzieht, muss nicht nur sie sich die Frage stellen, ob so ein Leben ohne das andere Geschlecht etwas für sie ist. Auch alle anderen Frauen werden durch sie daran erinnert, wieso sie sich überhaupt erst für ein solches Leben entschieden haben.

„Freundschaft in Pantoffelreichweite“**

Ein kunterbunter Haufen Frauen, die eines gemeinsam haben: Sie haben Männer satt. Mit denen kann man zwar auskommen, aber im eigenen Haus braucht man sie nicht. Als Leserin ist man gewohnt, eine Balance der Geschlechter in Romanen vorzufinden, besonders, wenn es um das Thema Liebe geht. Und auch in „Das Haus ohne Männer“ hat sich der eine oder andere männliche Gast eingeschlichen, aber dennoch ist es vorrangig ein Roman über fünf starke Frauen, die alle eine Geschichte zu erzählen haben, jede Frau ist anders, alle sind herzerwärmend originell.

„Wir haben nicht der Liebe abgeschworen.“
„Liebe ist wunderschön. Wahre Liebe.“
„Wir haben der tollkühnen Hoffnung abgeschworen, sie zu erleben.“
„Der Gefühlsachterbahn.“ […]
„Zwei Extreme zusammenbringen zu wollen.“
„Dem alltäglichen Kampf, dem ständigen Kitten von Scherben.“ […]
„Wir wollen uns nicht mehr verstellen, verrenken, uns die Flügel stutzen, um zu gefallen.“***

Auf dem (französischen) Buchmarkt finden sich so einige originelle, absurd komische Romane. Und so denkt man anfangs, es auch hier mit einer Komödie zu tun zu haben, die das absurde Leben von einer Handvoll Einsiedlerinnen widerspiegelt. Aber schnell merkt man, dass die Handlung alles andere als eine bloße Komödie ist, die Figuren nicht absurd oder lachhaft, sondern tiefgründig und authentisch sind. Der Schreibstil ist leicht und bietet einen kurzweiligen Lesespaß. Die Dialoge sind schnell, manchmal wie ein Stakkato, man weiß nicht immer, wer spricht. Aber peu à peu lernt man die Frauen kennen und auch, sie wiederzuerkennen.

„Liebe bedeutet, sich ins Leere zu stürzen.“****

An dieser Stelle möchte ich auch gar nicht allzu viel verraten. Jede Leserin muss sich selbst auf diese Frauen einlassen und mit ihnen in die Vergangenheit reisen. Was einige von uns bereits ahnten: Es geht auch ohne Männer. Doch eigentlich geht es auch gar nicht um das Fehlen des anderen Geschlechts, sondern vielmehr um diese Gemeinschaft Frauen. Es geht ums Leben.

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Dank

Mein Dank gilt dem Diana Verlag, für mein Rezensionsexemplar, und der Autorin: Der Roman hat mir schöne Lesestunden bereitet!

*Zitat: Das Haus ohne Männer, S. 21 / **Zitat: Das Haus ohne Männer, S. 73 / ***Zitat: Das Haus ohne Männer, S. 62 / ****Zitat: Das Haus ohne Männer, S. 33

Rezension „Die Tage, die ich dir verspreche“ von Lily Oliver: geht ans Herz, bleibt im Regal

Was passiert eigentlich nach dem Happy End?

Zuerst die Wochen, Monate, Jahre voller Furcht, dass es nie passieren würde. Dann die ersehnte Nachricht: Es gibt einen Spender. Die Zukunft ist plötzlich wieder konkret eine Möglichkeit. Fast schon ein Versprechen: Alles wird gut.

Aber stimmt das?

Herz Collage Die Tage, die ich dir verspreche

Wer möchte mein Herz?

Wer garantiert einem eigentlich den Happy-Aspekt des Happy Ends? Es ist ein Neuanfang, sagen alle. Jetzt wird alles wieder gut. Aber so fühlt sich Gwen nicht. Sie sollte glücklich sein. Sie hat das geschafft, worauf viele hoffen: Sie hat ein Spenderherz bekommen und kann nach langen Monaten im Krankenhaus und in der Reha endlich wieder nach Hause. Aber statt grenzenlose Freude spürt sie nur erdrückende Dankbarkeit: Wie zahlt man jemandem ein derartiges Geschenk zurück, das letzten Endes unfreiwillig gegeben wurde?

Tagsüber fühlt sie ihr neues Herz als einen Fremdkörper, nachts besucht sie ihr anonymer Spender in ihren blutigen Träumen. Die Wünsche und Hoffnungen ihrer Familie werden ihr irgendwann zu viel: Sie sieht nur noch einen Ausweg – ein Ausweg, der die Stimmen verstummen, die Träume verblassen lassen wird. Doch ihr Spender soll nicht umsonst gestorben sein. Daher beschließt sie, ihr Herz nicht zu behalten.

electrocardiogram-1922703_1920Herz zu verschenken

Noah sieht Gwens Aufruf in einem Forum für Herzkranke und hält sie für ein Fake. Wütend über so einen unsensiblen Scherz, antwortet er ihr – er wolle das Herz für sich –, nichtsahnend, dass sie noch am selben Abend vor seiner Tür auftauchen würde, bereit, ihm ihr Herz zu schenken.

Doch wie erklärt man einem verzweifelten Mädchen, dass man es angelogen hat? Wenn diese Lüge das Einzige ist, das sie davon abhält, das Unfassbare zu tun? Wie rettet man jemanden, der nicht gerettet werden will? Wie lebt man mit einer derart schweren Lüge, wenn man weiß, dass diese ein Leben retten könnte?

Ein wichtiges Thema, wunderschön präsentiert

In ihrem Roman „Die Tage, die ich dir verspreche“ traut sich Lily Oliver an ein Thema, das kaum jemand wirklich nachempfinden kann. Der Wunsch nach einem Sinn im Leben, nach einem guten Leben, das sich lohnt, gelebt zu werden – diesen Wunsch sollte dagegen wohl jeder verstehen. Oliver thematisiert einen Kampf, der scheinbar schon vorüber zu sein scheint, und doch in diesem fremden Herzen weiter ausgefochten wird. Narben, die man nicht sieht und die sich weigern, zu heilen.

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Ich fand das Thema des Buches ergreifend und sehr gut umgesetzt. Lily Oliver wählte mit Gwen und Noah die perfekten Figuren, aus deren Sicht sie den Leser Einblick in dieses kontroverse Geschehen gewährt. Dabei finde ich besonders Noahs Einarbeitung in die Geschichte sehr gelungen. In ihm findet man sich als Leser wieder, empfindet mit ihm die Panik vor dem Nicht-Verstehen sowie den Wunsch, zu retten.

Und doch: Er wird von der Autorin nicht ganz ahnungslos in die Geschichte hineingeworfen. Dadurch dass er nicht nur eine Chirurgin als Mutter hat, sondern auch selbst in Foren für Herzkranke aktiv ist, hat er das nötige Know-how, um nicht völlig unvorbereitet auf jemanden wie Gwen zu treffen. In vielen Büchern erscheint ein Aufeinandertreffen eines Außenstehenden auf einen Suizidgefährdeten sehr erzwungen, nicht authentisch.

Mit Noah schafft Oliver eine Brücke zwischen dem (was diese Situation betrifft) unerfahrenen Leser und der emotional anspruchsvollen Materie. Darüber hinaus ist er ein wunderbar runder Charakter, der selbst noch ziellos durchs Leben wandert und eigene Probleme hat, die nicht erst durch Gwens Auftauchen hervorgerufen werden, aber ihm durch sie vor Augen geführt werden.

Gwens Leben und Entscheidungen werden mit viel Gefühl geschildert; die tiefen Abgründe und Ängste, die ein Mensch empfinden kann, werden offen angenommen, und Gwen – und auch dem Leser – wird Raum gegeben, mit ihnen umzugehen. Ein wenig mehr hätte ich mir in Bezug auf ihre Familie erhofft, die einen Großteil des Romans in den Hintergrund verschwindet, aber das ist schon Nörgeln auf hohem Niveau.

[Vorsicht, leichter Spoiler in folgenden Absätzen; wenn nicht gewünscht, bei Fazit fortfahren:]

Meine einzige Befürchtung, die ich anfangs beim Aufbau der Handlung hatte, hat sich als unbegründet entpuppt: Noah wird nicht als sofortige und alles umschließende Lösung dargestellt. Auch er fühlt sich überfordert und hadert mit seinen Entscheidungen bezüglich Gwen.

Und auch Gwen sieht ihn nicht als einzigen Grund, womöglich ihre Pläne zu ändern. Danke, Lily Oliver, dafür. Das hatte mir lange Zeit Bauchschmerzen bereitet und hätte meine Meinung zum Buch zutiefst geändert. So kann ich aber nur sagen: Ein unbedingtes Muss!

buecherherz

Fazit

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Schreibstil: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Lily Olivers Zauber geht weiter

Ihr neuer Roman „Träume, die ich uns stehle“ ist Anfang November beim Knaur Verlag erschienen!

neues buch

 

 

Rezension „Himmelhoch – Alles neu für Amélie“ von Franziska Fischer: Ein stilles Buch übers Erwachsenwerden, das besonders mit seinen Nebenfiguren überzeugt

CoverFranziska Fischer ist auf diesem Blog kein unbeschriebenes Blatt mehr. Nachdem ich von ihrem Ink-Rebels-Debüt „Und irgendwo ich“ begeistert war, musste ich ihrem neuen Roman „Himmelhoch – Alles neu für Amélie“, bei cbt erschienen, direkt am Erscheinungstag ein neues Zuhause verschaffen. Obwohl ich eigentlich gar nicht daheim in Lüneburg, sondern für einen Tag in Hannover unterwegs und mein Rucksack voll, meine Schultern müde und überhaupt alles ziemlich stressig war. Aber so ein Kurz-vor-Ladenschluss-noch-hineinhuschen-und-inmitten-von-Büchern-entspannen-Stöbern bringt dann doch zur richtigen Zeit die richtigen Schätze hervor. Mein ganz persönlicher Piratenschatz, würde Amélies kleiner Bruder Paul jetzt sagen – und er würde verstehen, warum ich „Himmelhoch“ unbedingt mitnehmen musste. Auch Amélies Tante Fiona hätte nur zustimmend genickt, da bin ich ganz sicher:

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Handlung: Erste Dates und wacklige neue Freundschaften

Amélie zieht mit ihrer Familie vom turbulenten Berlin in ein kleines Kaff an der Küste. Was für viele Teenies ein Desaster wäre, kommt ihr sogar sehr gelegen. Am liebsten würde sie ihre Tage still in ihrem Kämmerchen oder mit ihrem kleinen Bruder Paul und ihrem besten Freund Salim verbringen, aber das Mädchen von nebenan hat anscheinend andere Pläne …

Isa ist beliebt, immer gut gelaunt und möchte auch die Neuen von nebenan mit offenen Armen in ihren Freundeskreis aufnehmen. Besonders nachdem sie Amélies guten Freund Salim kennenlernt. Zu dumm nur, dass Amélie keinerlei Interesse daran zu haben scheint, weitere Freundschaften zu schließen. Ein Plan ist schnell geschmiedet …

Linus ist gar nicht von der Idee seiner Schwester überzeugt. Er würde sich lieber aus allem heraushalten, aber wenn sein Zwilling sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann muss Linus wohl oder übel helfen. Dabei hat er gerade ganz andere Dinge – oder Personen – im Kopf. Isas Freundin Svea zum Beispiel …Ribbet collage Vorsicht

Auch wenn die Geschichte am Meer spielt, ist „Himmelhoch“ kein Sommerurlaub-Eis-am-Stiel-Bikinis-all-around-Roman. Die Jugendlichen bleiben zum großen Teil trocken und die Wellen zeichnen sich meist nur in Amélies Beziehungen ab: Es ist ein stetes Ankommen-Umsehen-Herantasten-und-Abstoßen-und-wieder-Versuchen.

Ich habe mich direkt in „Himmelhoch“ wiedergefunden, in dem Gefühl, neu zu sein, sich seinen eigenen Platz zu erkämpfen. Aber auch die schönen Seiten eines Umzugs lässt Fischer nicht aus: die Entdeckungen, die Erweiterung des Horizonts, die Familienbande … Fischer schafft es immer wieder, diese besonderen Momente einzufangen. Aber auch die Geschichten von Isa und von Linus versetzen einen zurück in seine Teenie-Jahre: erste Dates, die schrecklich peinlich oder auch erschreckend perfekt verlaufen, die kleinen und großen Dramen auf dem Schulhof und im Familienleben …

Mit einer Ausnahme (psst – Spoiler) schlägt Franziska Fischers keine hohen Wellen mit ihrer Handlung; stattdessen schafft sie es, aus dem Normalen, dem Alltäglichen, einen Ruhepol des Lesens zu schaffen, der ohne viel Wirbel(sturm) auskommt und den Leser doch fesselt und mit sich reißt. Für mich, die den Roman im Urlaub in einer einsamen Hütte in den österreichischen Bergen gelesen hat, kam die Geschwindigkeit dieser Geschichte gerade rechtRibbet collage3

Erwachsenwerden muss nicht immer dramatisch sein, die Entscheidungen nicht zwischen Leben und Tod entscheiden. Anfangs suchte ich noch nach einer inhaltlichen Klammer, die die Gesichte vorantreibt und sich bereits im ersten Kapitel ankündigt, etwas, auf das alles Weitere abzielt, eben so, wie man es aus vielen anderen Romanen kennt. Fischer geht ihre Geschichte jedoch anders an.

Die Jugendlichen versuchen alle auf ihre ganz eigene Weise und unabhängig voneinander, Glück zu definieren – und finden es mehr oder weniger, wie wir alle, in den unterschiedlichsten Situationen. Manchmal sind es genau die kleinen, ruhigen Momente, in denen Charaktere entstehen und Meinungen gebildet werden. Wir als Leser verfolgen den scheinbar normalen Alltag mehrerer Jugendlichen, ein Alltag, wie wir ihn mehr oder weniger auch geführt haben, der auch oft keinen roten Faden zu haben scheint außer unseren Wünschen und Hoffnungen. Nähe entsteht. Verständnis wird erzeugt. Und ja, so manch einer sehnt sich so wie Linus gerade dann nach der als einfacher empfundenen Kindheit zurück, bevor man Teenager, bevor man erwachsen wurde.

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Charaktere: Die Kleinen ganz groß – Nebencharaktere stehlen die Show

Amélies neues Leben steht im Mittelpunkt der Geschichte. Ihr Umzug lässt die Handlung einsetzen. Ihr Name steht auf dem Cover. Und sie ist eine schöne Figur, in deren Erzählungen man gerne ein paar Stunden eintaucht.

Aber manchmal sind es die leisen, zuerst eher unwahrscheinlichen Figuren, die unerwartet auftauchen, einen mit Gefühlen und Empathie überschwemmen und einem am lautesten in Erinnerung bleiben. Für mich waren das in diesem Fall Amélies kleiner Bruder Paul, Isas Zwillingsbruder Linus und Klassenkamerad Melvin, der lediglich eine Randfigur in diesem Band spielt, in Folgebänden aber hoffentlich noch häufiger vorkommen wird.

Zuerst erscheint einem Paul als typischer kleiner Bruder: laut, nervig, mit der ganzen Aufmerksamkeit der Eltern ausgestattet. Doch mit jedem Kapitel lernt man nicht nur Amélie und ihre Vergangenheit besser kennen, sondern auch ihre Beziehung zu Paul, der sich manchmal regelrecht aus seinen Träumen rausschreien muss und Bernstein für einen Piratenschatz hält. Wie überhaupt im ganzen Roman sind auch hier die Nuancen von Fischer gut gesetzt. Aus dem Stereotyp Kleiner Bruder wird eine runde, liebenswerte Figur, die man am liebsten selbst in den Arm nehmen möchte. Ribbet collage paul

Linus findet Amélie komisch, und für Amélie ist Linus nur der Bruder des Mädchens, das sie nicht in Ruhe lassen möchte. Ihre Handlungsstränge laufen zum großen Teil parallel zueinander, ohne einander zu berühren. Nur hin und wieder kommen sie zusammen, und in genau diesen Momenten fand ich als Leser den besten Zugang zu sowohl Linus’ als auch Amélies Charakter. Die Treffen haben etwas Reines an sich, ohne das sonst oft von anderen Autoren zu dick aufgetragene Gefühl der Anziehung und der übermäßigen Analyse des anderen. Ich hoffe, dass in Folgebänden diese Freundschaft zwischen den beiden noch wächst und wieder zu so schönen Lesemomenten führt.

Schreibstil: ein Spiegel der Charaktere, um den man sich bemühen muss

Wie schon bei Franziska Fischers „Und irgendwo ich“ finde ich auch hier ihren Schreibstil wunderschön ausgearbeitet und leicht zu lesen. Amélies und Linus’ Geschichten werden aus der Ich-Perspektive erzählt, während Fischer Isas Handlung mittels personalem Erzähler vermittelt. Eine Entscheidung, die etwas irritiert und auch zum großen Teil dazu beiträgt, dass ich mich als Leser Linus und Amélie so verbunden fühle, während mir Isas Charakter manchmal noch etwas fremd erscheint. Der Kontrast zwischen den unterschiedlichen Perspektiven war mir etwas zu einschneidend, sodass ich Isa lange Zeit nicht greifen konnte.

Für meinen Geschmack hätte Fischer auch ein wenig mehr mit Dialogen arbeiten können; zum Teil wird das Besprochene nur zusammengefasst wiedergegeben, wodurch etwas von der Nähe zu den Charakteren eingebüßt wird. Dieser Stil ist etwas gewöhnungsbedürftig. Mit der Zeit empfindet man es aber weniger als Störfaktor und mehr als eine gelungene Art, die Geschichte als solche ebenfalls zu charakterisieren.

Es ist ein ruhiges, ein stilles Buch; so wie auch Amélie selbst ein Charakter ist, der einen nicht mit offenen Armen empfängt und sofort alle seine Geheimnisse preisgibt. So wie der Leser beim Schreibstil müssen sich Isa und Linus erst einmal um Amélie bemühen, sie wirklich kennenlernen … und bevor man es merkt, wird man von ihrer Geschichte mitgerissen.

Fazit

„Himmelhoch“ ist anders. In der Darstellung, im Aufbau, in seinen Charakteren. Aber gerade diese Andersartigkeit schenkt einem Leser, der bereit ist, sich darauf einzulassen, ein großes Lesevergnügen. Es ist unbedingt zu empfehlen, wenn man seinem stressigen Alltag für ein paar ruhige Stunden entfliehen möchte.

In ihrem Nachwort (Ja, ich lese immer gewissenhaft Danksagung und Nachwort und kann es nur jedem Leser empfehlen) erklärt die Autorin, weswegen sie sich für die Welt der Amélie entschieden hat:

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Und das, liebe Franziska, hast du wirklich getan. Linus, Paul & Co will ich nun nicht mehr missen. Danke dafür! Ich freue mich schon auf die Folgebände.

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Charaktere: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertungminus

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Make Climate Sexy Again – Julia Dibbern liest im Klimahaus

Das böse Wort „Klimaerwärmung“ darf man heutzutage ja kaum noch in den Mund nehmen, geschweige denn es als Thema eines Romans auswählen, ohne dass der Gegenüber genervt die Augen verdreht und die Gedanken wandern lässt. Sollte man meinen! Ein weiterer Trugschluss: Die Jugend will sich erst recht nicht mit so (Vorsicht: Wortwitz!) trockenen Themen beschäftigen.

Julia Dibberns „Wolkendämmerung“ schafft es trotz des Stigmas „Umweltroman“ dank spannendem Plot und authentischem Schreibstil – und ohne autoritären Zeigefinger! –, den Leser zu fesseln und so das Thema Klima wieder sexy werden zu lassen.

Die Mischung macht’s: Vortrag über Geoenineering und Thriller-Lesung

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Die zahlreichen Zuhörer, sowohl Schüler als auch Erwachsene, hängen gebannt an Julia Dibberns Lippen, während Nicholas, Dibberns Protagonist, hoch oben auf einer Klippe steht, verfolgt, verzweifelt, zu allem bereit.

Ein starker Einstieg – mit Bedacht gewählt, so die Autorin des Jugendthrillers „Wolkendämmerung“. Er stelle eins klar: Ihre Geschichte ist weder trocken noch langweilig. Voller Spannung und Atmosphäre wird die Problematik Klimawandel und der daraus resultierende Kampf präsentiert. Dabei ginge es ihr vordergründig darum, eine geile Geschichte zu schreiben. Belehren wolle sie niemanden, so Dibbern.

„Thought is wonderful, but adventure is more wonderful still.“ – Oscar Wilde

Ein stigmatisiertes Thema „sexy“ verpacken – so ähnlich sieht es auch der heutige Lesungsort. Das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost ist bekannt für seine originelle und einzigartige Kulisse, vor der Themen wie Klima und Wetter dargestellt werden: Mit tollen Effekts zum Anfassen kann man hier die unterschiedlichen Klimazonen entlang des 8. Längengrads durchwandern.

Obiges Zitat von Wilde ist am Eingang zum Rundgang zu finden und lässt erkennen, was Klimahaus und Julia Dibberns Roman gemein haben: So interessant und wichtig der Inhalt Klima ist – manchmal muss er einfach in einem atemberaubenden Abenteuer verpackt sein!

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Julia Dibbern: „Ich schreibe keine Sciene-Fiction!“

Bevor sich Julia Dibbern ganz dem Schreiben von Sachbüchern und Jugendromanen widmete, war sie Journalistin für Nachhaltigkeit. Ihr Beruf machte ihr deutlich, wie sehr unsere Welt schon an die Dystopien anderer Autoren erinnert. So wird auch „Wolkendämmerung“ oftmals fälschlicherweise und vorschnell als Science-Fiction abgetan. Dibbern muss dann leider widersprechen: Die Handlung in ihrem Roman ist zwar frei erfunden, jedoch gründlich recherchiert und durchaus im Bereich des Möglichen. Die Zukunft ist jetzt – in diesem Fall ein erschreckender Gedanke.

Der Roman: die Handlung

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Umweltromane im Klimahaus-Shop, u. a. Julia Dibberns „Wolkendämmerung“

Abseits von jedweden Verhandlungen über das Pariser Abkommen wächst Nick bei seinem Vater in L. A. auf. Er unterrichtet jüngere Kids im Parkours und hilft in einem Gemüseladen aus, um seine Familie über Wasser zu halten, da sein Vater diese Rolle schon lange nicht mehr übernimmt. In seiner Freizeit ist Nick jedoch begnadeter Fotograf – und erhofft sich später auch eine Karriere in dieser Branche. Dieser Wunsch scheint sich schneller, als geglaubt, zu erfüllen, als er auf einem Forschungsschiff PR-Bilder schießen soll – das wäre die Chance für Nick.

Doch am Abend, bevor es losgehen soll, schleicht er sich mit ein paar Freunden auf das Gelände der Firma und überhört ein ungeheuerliches Gespräch, das für keine fremden Ohren bestimmt gewesen war. Nick, unsicher, ob das, was er gehört hat, tatsächlich wahr sein könnte, entschließt sich, seinen Job zu nutzen, um Informationen zu sammeln. Eine Entscheidung mit gefährlichen Folgen …

Der Roman: eine Einschätzung

Mir ging es wohl wie vielen: Das Thema Klima ist zwar interessant und aktuell, aber mich damit auch noch in meiner Lesezeit zu beschäftigen (in der es um Erholung und Unterhaltung gehen soll) … das war dann vielleicht doch etwas zu viel verlangt. Auch das Klimahaus stand schon lange auf meiner To-do-Liste; eine Erfahrung, die ich nun nicht mehr missen wollen würde und die nach einer Wiederholung schreit.

Diesen Sommer wurde ich dann total von Julia Dibberns Roman überrascht. Ich bin schon länger ein Fan ihres Schreibstils und besonders ihrer Dialoge (ganz zu schweigen davon, wie begeistert sie mit einem über ihre Charaktere reden kann!), aber dass sie mich auch mit dem Thema Klima derart mitreißen könnte, hätte ich nicht gedacht. Dabei ist „Wolkendämmerung“ genau die richtige Mischung aus Abenteuer und wichtiger Message: Make Climate Great Again.

Ein wichtiges Thema groß und sexy machen. Das ist ihr durchaus gelungen. Dabei hält sie sich mit Herzchen und Pink und Liebesdingen zurück, sodass der Thriller auch wunderbar für Jungs geeignet ist. Aber: Ich bin weder jugendlich noch ein Junge und habe es dennoch sehr genossen. Als Laie in allen Dingen Klima habe ich sehr viele Informationen mitnehmen können – alles wunderbar versüßt durch einen grandiosen Thrill-Faktor.

Plot:              bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Charaktere: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Schreibstil: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

 

Rezension „Me, without Words“ von Kira Minttu: packende Atmosphäre in jeder Zeile. Zugabe, bitte!

Julika, Katinka, Levin, Jako und James – wer jetzt denkt Moment mal, die Namen kenne ich doch, der hat ganz recht. Mit „Me, without Words“ (ein Ink-Rebel-Buch) geht die „Stay Tuned“-Reihe von Kira Minttu in die zweite Runde. In der Fortsetzung von „Keep on Dreaming“ wendet sich die Autorin Julika zu, Katinkas bester Freundin.

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Während ihre Freundin auf rosaroten Wolken schwebt, muss sich Julika mit einem ganz anderen Problem befassen: Ihre Eltern schweigen sich nur noch an … und dann haben sie sich plötzlich – für Julis Geschmack – viel zu viel zu sagen.

Und während es für sie immer schwieriger wird, die dicke Luft zu Hause zu ignorieren, beginnt es auch in ihrer Beziehung zu ihrem Freund Levin zu kriseln. Da trifft sie Marc –und aus einer harmlosen Begegnung am See wird eine ungewollte Verstrickung von Geheimnissen, die Juli nicht nur ihre Beziehung zu Levin, sondern auch zu Katinka und ihren Eltern kosten könnte.

Gelungener Perspektivwechsel dank starker Figuren

Kira Minttu gelingt es, aus Nebenfiguren Protagonisten zu machen – und andersrum die vorherige Sympathiefigur gerade so weit auftauchen zu lassen, dass Fans der Reihe erfahren, wie es Katinka nach „Keep on Dreaming“ ergeht, ohne sie dabei aus der neuen (Neben-)Rolle der besten Freundin herauszuheben. Auch wenn ich persönlich liebend gern mehr Szenen über Katinka und Jako und die restliche Clique gelesen hätte, verstehe ich, dass die Isolation Julis von ihrem vertrauten Umfeld ein wichtiger Aspekt der Geschichte ist.

So sehr man sich in „Keep on Dreaming“ in Katinka verliebt hat, so wichtig ist es, Juli als separate, eigenständige Protagonistin zu erleben. Sie ist schlagfertig und selbstständig – was leider dazu führt, dass sie ihren Freunden nicht immer ihre Ängste und Zweifel zeigen kann.

Atmosphäre vom ersten Satz an

Der Roman beginnt mit einer alltäglichen Situation: Abendessen mit der Familie. Doch Kira Minttus Darstellung dieser scheinbar banalen Tätigkeit mit eingeschobenen Erinnerungen an eine bessere Zeit ist ein gelungener Einstieg in den Roman und ein grandios umgesetzter erster Einblick in die Dynamik von Julis Familie.

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Allein in dieser Szene wird ganz klar deutlich: Zwischen Julikas Eltern ist ganz und gar nicht alles in Ordnung. Und das kriegt auch die einzige Tochter zu spüren.

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„Me, without Words“ ließ mich nicht los

Kira Minttu schafft es in scheinbar einfachen Szenen eine ganze Fülle an Nuancen einzubauen. Aber gerade diese unaufdringlichen Momente zwischen Eltern und Tochter, zwischen Freund und Freundin lässt die Handlung authentisch wirken. Das atmosphärische Schreiben hat mich als Leser derart in die Geschichte gezogen, dass jedes Schaben eines zurückgeschobenen Stuhls und jeder vorwurfsvolle Blick mich bis ins Mark getroffen hat.

Der Plot selbst mag einfach genug klingen: zerrüttetes Elternhaus, ein Mädchen, dass sich mit ihren Freunden zerwirft und sich deshalb auf einen fremden, älteren Jungen einlässt … Das Rad hat Minttu tatsächlich nicht neu erfunden, weswegen ich ihr in dieser Kategorie auch nicht die volle Punktzahl geben kann.

Ihre Stärke liegt dafür in der Beschreibung der kleinen zwischenmenschlichen Interaktionen, die den manchmal doch etwas vorhersehbaren Plot in etwas Ergreifendes verwandelt. Ungekünstelt wirkende Dialoge und eine originelle Verbildlichung der emotionalen Auswirkungen auf die Charaktere tun ihr Übriges, um mich für dieses Buch zu begeistern.

Rad

Unterschiedlich starke Handlungsstränge – aber ein rundes Ganzes

Warum verweile ich so lange beim Handlungsstrang der Eltern? Für mich ist es der stärkste Aspekt der Geschichte. Die Ehekrise der Eltern ist ein wichtiger Auslöser für die weitere Handlung. Danach entwickelt sich die Geschichte vermehrt in Richtung Marc und dessen Geheimnisse – und lässt dabei meiner Meinung nach etwas nach. (Aber ich bin auch voreingenommen – Team Levin all the way!)

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Die Figuren der Eltern sind anders als in anderen Jugendbüchern vielschichtig und haben Charakter; sie sind Menschen, Partner, auch außerhalb ihrer Rollen als Elternteil. Die Auswirkungen einer fehlgeschlagenen Ehe werden von Kira Minttu mit viel Feingefühl dargestellt.

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Gleichzeitig bietet ihre Ehe eine Parallele zu Julis eigenen sowohl romantischen als auch freundschaftlichen Beziehungen. Mit ihren Freunden ist Juli zu Beginn des Romans auf gutem Fuß.

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Doch mit jedem Streit der Eltern, fühlt sich Julika immer weniger von ihren Freunden verstanden. Mit ihnen kann sie nicht über ihre Ängste sprechen, mit Marc hingegen schon, der selbst aus ähnlichen Familienverhältnissen kommt. Mit der Zeit fühlt sie immer mehr die selbst auferlegte Distanz zwischen sich und ihren Freunden. Als die Dinge um Marc schließlich ernster und verzwickter werden, hat Juli schon niemanden mehr, an den sie sich wenden kann.

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Fazit

Ich bin ein großer Fan der Ink-Rebel-Bücher; und auch „Me, without Words“ hat mich nicht enttäuscht. Auch wenn ich mir für den Plot manchmal etwas mehr gewünscht hätte, überzeugt Minttus Schreibstil auf jeder Seite, jeder Zeile. Das allein ist Grund genug für mich, weiterhin alles zu lesen, was sie uns schenkt. Um mir ihre schönen schriftlichen Leckerbissen auf der Zunge zergehen zu lassen, sie zu genießen, fasziniert aufzuschauen, „Wow“ und „Genial“ zu murmeln … und nach dem letzten Wort „Zugabe!“ zu rufen.

P.S. Ostereiersuche – auch nach Ostern

Für alle Leser, die genauso Ink Rebel fanatisch sind wie ich: Kira Minttu hat einer anderen Ink Rebellin für deren Roman einen ihrer zweifelhaften Charaktere von „Me, without Words“  ausgeliehen. Findet ihr ihn? Was für eine tolle Idee! Mehr, bitte!

Plot:              bewertungbewertungbewertungbewertungminusbewertungminus

Charaktere: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertungminus

Schreibstil: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Rezension „Wo die Geschichten wohnen“ von Oliver Jeffers und Sam Winston: Der Beweis, dass Buchstaben wunderschön sein können …

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So beginnt dieses wunderschöne Bilderbuch „Wo die Geschichten wohnen“ von Oliver Jeffers und Sam Winston des Mixtvision Verlags. Als ich es auf der Leipziger Buchmesse gesehen habe, konnte ich nicht widerstehen.

Das Bilderbuch, dessen Bilder oft fast zur Gänze aus Buchstaben bestehen, handelt von der Macht der Worte und der Fantasie. Es ist ein Aufruf, der eigenen Vorstellungskraft in eine Welt voller Abenteuer und Wunder zu folgen; wunderbar umgesetzt in anschaulichen Bildern, die stürmische Satz-Seen und dunkle Wort-Monster darstellen.

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Das Buch ist haptisch schön verarbeitet und mit Liebe zum Detail gezeichnet. Der Einsatz von Farben unterstreicht die Handlung auf spektakuläre Weise.

Ein einfaches Buch von rund fünfzehn Doppelseiten wird so zu einer Schatzkarte, in der man immer wieder auf verborgene Schätze stößt, die einem noch nicht aufgefallen sind.

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Eine Hommage an die Geschichten – die großen und die kleinen –, die uns berührt haben und unser Leben überhaupt ausmachen.

Motto Wo die Geschichten wohnen

 

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Rezension „Emma, der Faun und das vergessene Buch“ von Mechthild Gläser: Jane Austen mit Fabelwesen und einer Portion Bibliophilie

Von ihrem Jugendbuch „Die Buchspringer“ kannte ich Mechthild Gläser schon als eine Autorin, die sich gerne (und auch gut) mit dem Phänomen des Buches im Buch auseinandersetzt. Und was lieben Bücherliebhaber (oder -fanatiker, je nachdem, wen man fragt) mehr, als eine tolle Geschichte? Richtig, eine Geschichte, die um ein besonderes/verwunschenes/lebendes Buch geht.

Alles beginnt mit einer Chronik im verlassenen Westflügel

Bei „Emma, der Faun und das vergessene Buch“ wird dem Leser ein solches Buch bereits im Titel versprochen. Emma, die auf ein Elite-Internat geht, findet im verlassenen Westflügel des Schlosses eine alte Chronik, die auf den ersten Blick lediglich verschiedene Ereignisse der Schlossbewohner aufzulisten scheint. Doch als Emma anfängt, selbst Dinge darin festzuhalten, stellt sie schnell fest, dass das Geschriebene … Realität wird.

Das Finden der Chronik fällt außerdem mit dem Eintreffen von Darcy de Winter zusammen, dem Sprössling der Schlossbesitzer, der vor ein paar Jahren selbst auf das Internat gegangen ist, aber nach dem Verschwinden seiner Schwester Gina die Schule verlassen hat. Jetzt ist er zurück und wird nicht aufgeben, bis er herausfindet, was damals wirklich mit Gina passiert ist.

Gläsers Anlehnung an berühmte Werke wie „Stolz und Vorurteil“

Bereits mit „Die Buchspringer“ schaffte Mechthild Gläser es, Kindheitserinnerungen in mir zu wecken, indem sie alte Klassiker der Literatur in ihrem Roman verarbeitete. In „Emma, der Faun und das vergessene Buch“ greift sie einen anderen Klassiker auf – und dieses Mal in ganz anderer Form. Anstatt Charaktere anderer Autoren aufleben zu lassen, basiert die Handlung dieses Mal grob auf Jane Austens „Stolz und Vorurteil“. Fans von Lizzie und Darcy werden die Parallelen erkennen, die wunderbar in die moderne Zeit übernommen wurden. (Und natürlich erkennt die Kennerin auch gleich, dass Emma natürlich auch eine bekannte Heldin der Austen-Bücher ist).

Ich selbst bin oft kein Fan von solchen Adaptionen – besonders die Geschichte einer Frau, die ihren Mr. Darcy sucht, läuft einem in den Buchhandlungen leider viel zu oft über den Weg. Aber hier muss ich sagen, hat mich „Emma, der Faun und das vergessene Buch“ sehr positiv überrascht und überzeugt. Durch die fantastischen Aspekte der Chronik und des Fauns rückt der romantische rote Faden der Austen-Adaption in den Hintergrund und bietet so lediglich einen schönen Rahmen, in dem Mechthild Gläser ihr ganz eigenes Bild malt. Für mich war der fantastische Handlungsstrang besonders fesselnd, da ich (anders als bei der Handlung à la Austen) hier sehr oft überrascht wurde.

Der Plot hat mich von vorne bis hinten überzeugt!

Der Plot ist gut durchdacht und bringt immer neue Facetten zu der Überlegung, in wie weitMotto Fantasie und Geschichten das reale Leben beeinflussen. Schriftsteller leben davon, mit Stift und Papier (bzw. Computer und Tastatur) eigene Welten zu erschaffen, deren Atome, Knochen und Sauerstoff aus Wörtern, Sätzen und Fantasie bestehen. Die Idee, dass diese Wörter nicht nur im Kopf des Lesers, sondern auch in seinem eigenen Leben Fuß fassen, ist faszinierend und überbrückt die Distanz zwischen Leser und Geschichte, indem man sich selbst plötzlich fragt, wie man an Emmas Stelle reagiert und die Chronik benutzen würde.

Gleichzeitig wirkt Gläser dem Kritiker an mancher Stelle von Anfang an entgegen: Ja, Geschriebenes wird wahr, aber die Magie konzentriert sich auf das Umfeld der Chronik, in diesem Fall das Internat. Den Charakter von Menschen kann man nicht verändern und auch die restliche Magie hält nicht ewig. Also alle, die sofort sagen: Wo ist der Weltfrieden? Darum geht es hier definitiv nicht. Es geht vor allem um Emmas Auseinandersetzung mit der Chronik –  inwieweit sie die Magie der Chronik benutzen möchte und welche Konsequenzen daraus entstehen – und die Suche nach Gina, Darcys Schwester, bei der Emma Darcy helfen möchte, egal wie arrogant und unerträglich er am Anfang zu sein scheint.

Die eine oder andere Schwachstelle

So sehr mich die Idee des Romans und auch der fantastische Plot mitgerissen haben, hat mich manchmal leider der Dialog aus dem Lesefluss gerissen. Manche der Charaktere haben meiner Meinung nach zu literarisch und damit nicht zeitgenössisch genug gesprochen, besonders bei Darcy ist mir das immer wieder aufgefallen. Das kann jedoch auch an seinem literarischen Vorbild liegen. Und im Großen und Ganzen tut es der Geschichte keinen Abbruch; dennoch ein Raben-Abzug für den Schreibstil (siehe unten).

Ein weiteres kleines Manko lässt sich vielleicht ebenfalls auf die Austen-Vorlage zurückführen. Für mich waren die Charaktere an sich gut gewählt und besonders in die Hauptfiguren konnte ich mich gut hineinversetzen. Die restlichen Figuren blieben leider etwas durchsichtig. Viele sind lediglich Platzhalter bzw. Randfiguren, die keine größeren Rollen spielen und darum auch nicht allzu sehr ausgestattet wurden. So waren sie für mich nicht ganz greifbar und störten ein wenig das Weltenbild, das ich vom Internat hatte, da ich so nicht ganz in Emmas Alltag hineingefunden habe. Darum auch hier für die Charaktere einen Raben-Abzug (siehe unten).

Und wo ist jetzt dieser Faun?

Das Buch aus dem Titel haben wir besprochen und auch Emma haben wir vorgestellt – aber was für eine Rolle spielt denn nun der sagenumwobene Faun für den Roman? Dazu will ich gar nicht allzu viel verraten, nur, dass seine Geschichte mit dem Ursprung der Chronik verwoben ist und mit zu meinen Lieblingsstellen im Roman gehört,  da Gläser hier wieder beweist, wie wunderbar sie ihre bibliophile Vorliebe in ihrem Schreibstil einfließen lassen kann.

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Soviel zum Faun. Wer mehr über ihn und seine Vorliebe für „saftige Satzanfänge“ erfahren möchte, muss schon das Buch lesen.

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Charaktere: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertungminus

Schreibstil: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertungminus

Hier geht es zu meinem Autorenporträt von Mechthild Gläser.