Bestsellerautorin Jodi Picoult zu Besuch in Hamburg: „Ich fühlte mich dreckig.“

„Rassismus“: eines der zwei Wörter, die die amerikanische Autorin Jodi Picoult auf Deutsch sagen kann, und gleichzeitig das Thema ihres neusten Romans, „Kleine große Schritte“. Das andere Wort: „Wasser“ – passend zu ihrem Besuch in der Buchhandlung Heymann im Hamburger Stadtviertel Eimsbüttel, in die der Verlag C. Bertelsmann vergangenen Dienstag zur Lesung einlud.

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Wasser gibt es in der Hansestadt in rauen Mengen … und leider ist auch Rassismus schon lange nichts mehr, was nur im großen, bösen Amerika Wellen schlägt. Spätestens seit der Flüchtlingskrise wurde wohl jeder Zeuge von rassistischen Bemerkungen und Ansichten. Gerade vergangenen Samstag marschierten in Polen rund 60.000 Nationalisten und Rechtsradikale für ein „weißes Europa“. Bilder und Worte, die einem unbegreiflich erscheinen, die sich in der heutigen Zeit jedoch leider häufen.

Dass der Rassismus nicht urplötzlich aus dem Boden gestampft wurde oder seit dem Bürgerkrieg im Tiefschlaf gelegen hatte, sondern auch in den letzten Jahrzehnten bereits unterschwellig traurige Realität in ihrem Land war, weiß Picoult. Seit letztem Jahr seien Hassreden jedoch quasi legalisiert – seit in Washington D.C. ein neuer Präsident im Weißen Haus sitzt (der auf der Lesung bewusst nur mit „Der, der nicht genannt werden darf“ betitelt wurde).

Tosender Applaus und Blitzlichtgewitter begrüßten die Autorin auf ihrer ersten Deutschland-Buchtour bei ihrem Stopp in der Hansestadt. Mit ihrem Roman „Beim Leben meiner Schwester“ fing meine persönliche Obsession an. Bisher habe ich Picoults Werke in der Originalsprache verschlungen, dank dem C. Bertelsmann Verlag kam ich nun zum ersten Mal in den Genuss, mich auf Deutsch von Picoults Schreibtalent begeistern zu lassen.

Picoult über den Roman: „Es war meine größte Herausforderung.“

„Kleine große Schritte“ erschien in Amerika bereits im Herbst 2016 unter dem Titel „Small Great Things“. Seitdem reist Jodi Picoult mit ihrem neusten literarischen Werk durch die ganze Welt. Doch mit dem Thema Rassismus beschäftigt sie sich schon viel länger. Vor Jahren schon überlegte sie, eine Geschichte zu dem brisanten Thema zu schreiben; die zündende Idee lieferte ihr dann wie so oft die erschreckende Realität.

2012 verklagte eine Krankenschwester das Krankenhaus, in dem sie arbeitete, da es ihr auf Wunsch rechtsradikaler Eltern verbat, sich als Afroamerikanerin um das Neugeborene zu kümmern. Die Krankenschwester gewann die Klage, und bei Jodi Picoult fingen die Rädchen an, sich zu drehen. Was wäre, überlegte sie, wenn der Vorfall nicht so glimpflich ausgegangen wäre? Was, wenn die Schwester in dem Moment mit dem Kind alleine gewesen wäre, wenn ein Notfall eintrat? Wie würde sie handeln? Was für Konsequenzen hätte ihre Entscheidung?

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Wie so viele von Picoults Romanen basiert somit auch „Kleine große Schritte“ auf wahren Begebenheiten, die die Erfolgsautorin provokativ auf die Spitze getrieben hat. Zur Vorbereitung betrieb Picoult umfangreiche Recherche – tatsächlich war es die meiste Vorarbeit, die sie jemals für einen Roman geleistet hatte.

„Wenn ich von meinen Lesern verlange, sich mit dem Thema [Rassismus] auseinanderzusetzen“, so Picoult, „dann muss ich es zuerst selbst getan haben.“ Außerdem wolle sie dieses brisante Thema mit dem gebührenden Respekt behandeln. Lange Zeit war sie sich nämlich gar nicht sicher gewesen, ob sie als weiße Frau über Rassismus schreiben oder reden durfte. Schließlich entschied sie sich dafür: „Rassismus wurde von uns [Weißen] erschaffen, es liegt nun an uns, ihn abzuschaffen.“

Ihre eigene Verarbeitung des Themas hätte ihr Leben verändert – und auch die Art, wie sie ihr Leben lebt. Sie gehe nun bewusster durch die Welt. „Ignoranz ist ein Privileg der Weißen“, so Picoult. Man müsse sich bewusst machen, dass Rassismus nicht nur in den großen Gesten und übelerregenden Parolen der Rechtsextremen existiert und auch nicht nur in einzelnen Personen zu erkennen sei. Institutionen z. B. bevorteilen oft Weiße; Vorurteile beeinflussen Entscheidungen bei der Bildung, bei der Wohnungs- und Jobsuche. Auch wenn wir persönlich keine Rassisten sind, ziehen wir doch öfter, als uns bewusst ist, Vorteile aus den rassistischen Einstellungen anderer.

Damit wolle sie niemandem ein schlechtes Gewissen einreden – und man solle sich auch nicht schuldig fühlen, als Weiße geboren zu sein: Niemand ist dafür verantwortlich, mit welcher Hautfarbe er oder sie auf die Welt kommt. Picoult ruft stattdessen dazu auf, in einen Dialog zu treten. „Wir haben alle viel zu viel Angst, unseren Gegenüber zu beleidigen“, so Picoult. Dabei sei es so einfach, zuzugeben, dass man nicht alles über das Leben und die Lebensweise des anderen kennt. Oftmals gehe es dem anderen genauso. Es ginge darum, jede noch so dumm erscheinende Frage stellen zu dürfen – und nicht über den anderen zu urteilen. „Sagt einfach: Ich will lernen.“

Runde Charaktere: über unperfekte Heldinnen und Monster, die Mitleid erregen

Was mir bei Jodi Picoults Romanen immer wieder auffällt, sind die authentischen runden Charaktere, die ihre Bücherwelten bewohnen. Um den richtigen Ton zu treffen, verbringt die Autorin überdurchschnittlich viel Zeit mit der Recherche. Dabei ist es ihr wichtig, nicht nur mit einer Person zu sprechen, die ihrer Figur ähnelt, sondern diverse Einblicke in die Szene zu bekommen.

Um die Figur der Ruth zu erschaffen zum Beispiel – eine afroamerikanische Krankenschwester – sprach Picoult nicht nur mit Krankenschwestern, um die technischen Mittel und die Sprache richtig zu treffen, sondern auch mit Afroamerikanerinnen in Vereinen und bei anderen Treffen, die mit ihr über ihr Leben als Farbige im heutigen Amerika sprachen; ein Leben, bei dem Rassismus auf der Tagesordnung steht.

Wie es war, sich in einen Skinhead einzufühlen

Für ihren männlichen Protagonisten Turk – einen trauernden Vater, der Ruth wegen ihrer Hautfarbe verabscheut – sprach Picoult mit ehemaligen Neonazis. Die zwei Männer hatten ein Leben des Hasses hinter sich gelassen und arbeiten nun für ein besseres Miteinander sowie für die Überführung von anderen Rechtsradikalen. Dank ihnen bekam Picoult einen Einblick in abscheulichste Praktiken, die auch heute noch überall in Amerika von Neonazis praktiziert werden – und nicht nur in den abgeschiedensten Gegenden des Landes, betont die Bestsellerautorin.

Dank der Hasstiraden eines gewissen Politikers scheinen Hasspredigten legalisiert; nicht nur auf den Straßen sind Skinheads mit ihren Parolen unterwegs, sie gehen auch aktiv auf Universitätsgelände, so Picoult. „Redefreiheit bezieht sich nicht auf Hasspredigten“, wiederholt die Autorin mehrmals.

Aber es gehe sogar noch weiter als bloßes öffentliches Deklarieren: „Skinheads sehen aus wie Sie und ich“, sagte Picoult am Dienstagabend in Hamburg. Keine (oder nicht mehr nur) rasierten Schädel, keine sichtbar getragenen Hakenkreuze oder ähnliche Zeichen, die einem sofort einfallen, wenn man an Neonazis denkt. Heutzutage laufe, wie bei so vielen anderen Themen, vieles übers Internet, erklärt Picoult. Skinheads verbreiten ihre Meinungen über Social Media, oftmals anonym und mit erschreckender Wirkung.

Sie habe sich dabei dreckig gefühlt, verrät Picoult über den Schreibprozess ihrer Figur Turk. So etwas habe sie noch bei keinem anderen Buch, bei keinem anderen Charakter empfunden. „Ich musste, nachdem ich seine Passagen geschrieben habe, erst einmal duschen gehen.“

Der wahre Protagonist ist der Leser selbst

Am nächsten fühlt Jodi Picoult sich der Figur Kennedy, der weißen Anwältin von Ruth. Viele ihrer eigenen Meinungen und Vorurteile und, ja, auch ihre Ignoranz, spiegeln sich in denen von Kennedy wider. Picoult selbst machte durch die Recherche für das Buch und das Schreiben eine Verwandlung durch. Sie verrät uns: „Anfangs denkt man vielleicht, man lese ein Buch über Ruth, aber wenn man das Buch beendet, erkennt man, dass man tatsächlich Kennedys Geschichte gelesen hat – und damit auch seine eigene.“

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Runde Charaktere sind das A und O für die amerikanische Autorin. Es sind keine einseitig guten oder schlechten Menschen, auch die scheinbar Guten machen Fehler, haben Probleme und schlechte Eigenschaften. Dafür empfindet man auch mal Mitleid mit dem Bösewicht – unbeabsichtigt, sodass man direkt von seiner eigenen Reaktion angeekelt ist.

„Ich begegne auf der Straße kaum Heiligen – und auch Monster haben Eltern, die sie lieben“, erklärt Picoult ihre Entscheidung, ihre Romane mit multidimensionalen Charakteren zu bevölkern.

„Kleine große Schritte“ habe sie chronologisch geschrieben, statt die Passagen einzelner Charaktere geschlossen zu verfassen. Sie wäre sich schon manchmal vorgekommen, als hätte sie mehrere Persönlichkeiten. Andererseits wäre der einzige Unterschied zwischen Schizophrenie und Schreiben auch nur, so Picoult, dass man fürs Schreiben bezahlt würde.

Über Aktualität, den richtigen Riecher und Lachmusekln

Just am Tag der Lesung kam erneut eine Schreckensnachricht aus den USA: Erneut gab es einen Amoklauf, dieses Mal in einer Grundschule. Jodi Picoult, die bereits vor zehn Jahren in einem Roman Amokläufe thematisierte, war entsetzt, aber nicht überrascht. Es würde leider auch nicht das letzte Mal sein, dass so etwas passiere, so lange wie die Schützen in den Medien glorifiziert würden und die Waffengesetze in den USA sich nicht änderten, so Picoult. Sie schlug vor, sich in der Berichterstattung stattdessen auf das Leben der Opfer zu konzentrieren.

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Ihre Romane zeichnen sich durch ihre Aktualität aus. So unterschiedlich die Geschichten sind, so behandeln sie doch immer das heutige Leben in Amerika, Menschen, in denen man sich wiederfindet, und Themen, die die Welt bewegen.

Ob sie in die Zukunft sehen könne, wird Jodi Picoult oft gefragt. Sie lacht, als es auch an diesem Abend zur Sprache kommt. Oftmals käme es wirklich vor, dass sie über ein Thema schreibt und kurz nach der Erscheinung des Romans passiert etwas oder das Thema kommt aus einem anderen Grund in den Vordergrund. Sie selbst erklärt es sich so, dass sie über Themen schreibt, die sie als Mutter/Frau/Amerikanerin/Mensch interessieren oder ihr Sorgen bereiten. Und das scheint in den Lesern Anklang zu finden. Diese haben ähnliche Ängste, stecken in ähnlichen Krisen oder moralischen Dilemmas.

Ein weiteres Merkmal von Picoults Romanen ist der häufige Bezug zu Familien, so auch in ihrem neusten. Während tiefgreifende Themen die Leben der Protagonisten beeinflussen, sucht jeder der drei doch nur einen Weg, eine bessere Welt für ihre Kinder zu schaffen.

Lachen erlaubt!

„Das Buch kann nicht nur dunkel, schrecklich und grausam sein.“ Picoult versichert uns, dass auch leichte Szenen und Humor im Roman vorkämen. „Es muss den Lesern erlaubt sein, zu lachen.“

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Die Autorin

Jodi Picoult wurde 1966 in New York, USA, geboren und studierte an den Elite-Universitäten Princeton und Harvard. Ihre Karriere als Autorin begann 1992; mehr als zwanzig Romane sind inzwischen von ihr erschienen (sogar mir fehlt noch der eine oder andere). Sie wurde bereits mehrfach ausgezeichnet (u. a. 2003 mit dem renommierten New England Book Award). Ein wenig mit Deutschland verbunden könnte Picoult sich dennoch fühlen: Immerhin lebt sie mit ihrem Mann in Hanover, New Hampshire.

Noch mehr Picoult

Wer noch nicht genug von der amerikanischen Autorin hat, kann auf deren offiziellen Website detaillierte Hintergründe zu ihren Romanen sowie häufige Fragen (und die dazugehörigen Antworten) nachlesen.

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Dank

Mein Dank geht an die Heymann Buchhandlung Eimsbüttel für den schönen Abend sowie an den Verlag C. Bertelsmann für das Gewinnspiel, bei dem ich zwei Tickets für die tolle Veranstaltung gewonnen habe, sowie für das Rezensionsexemplar von „Kleine große Schritte“.

Jodi Picoult: Vielen Dank, dass Sie nach Deutschland gekommen sind und sich so viel Zeit genommen haben.

Und natürlich: Danke an euch, liebe Leser, fürs Durchhalten (es war ja doch ein etwas längerer Beitrag). Ihr seid genial!

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Make Climate Sexy Again – Julia Dibbern liest im Klimahaus

Das böse Wort „Klimaerwärmung“ darf man heutzutage ja kaum noch in den Mund nehmen, geschweige denn es als Thema eines Romans auswählen, ohne dass der Gegenüber genervt die Augen verdreht und die Gedanken wandern lässt. Sollte man meinen! Ein weiterer Trugschluss: Die Jugend will sich erst recht nicht mit so (Vorsicht: Wortwitz!) trockenen Themen beschäftigen.

Julia Dibberns „Wolkendämmerung“ schafft es trotz des Stigmas „Umweltroman“ dank spannendem Plot und authentischem Schreibstil – und ohne autoritären Zeigefinger! –, den Leser zu fesseln und so das Thema Klima wieder sexy werden zu lassen.

Die Mischung macht’s: Vortrag über Geoenineering und Thriller-Lesung

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Die zahlreichen Zuhörer, sowohl Schüler als auch Erwachsene, hängen gebannt an Julia Dibberns Lippen, während Nicholas, Dibberns Protagonist, hoch oben auf einer Klippe steht, verfolgt, verzweifelt, zu allem bereit.

Ein starker Einstieg – mit Bedacht gewählt, so die Autorin des Jugendthrillers „Wolkendämmerung“. Er stelle eins klar: Ihre Geschichte ist weder trocken noch langweilig. Voller Spannung und Atmosphäre wird die Problematik Klimawandel und der daraus resultierende Kampf präsentiert. Dabei ginge es ihr vordergründig darum, eine geile Geschichte zu schreiben. Belehren wolle sie niemanden, so Dibbern.

„Thought is wonderful, but adventure is more wonderful still.“ – Oscar Wilde

Ein stigmatisiertes Thema „sexy“ verpacken – so ähnlich sieht es auch der heutige Lesungsort. Das Klimahaus Bremerhaven 8° Ost ist bekannt für seine originelle und einzigartige Kulisse, vor der Themen wie Klima und Wetter dargestellt werden: Mit tollen Effekts zum Anfassen kann man hier die unterschiedlichen Klimazonen entlang des 8. Längengrads durchwandern.

Obiges Zitat von Wilde ist am Eingang zum Rundgang zu finden und lässt erkennen, was Klimahaus und Julia Dibberns Roman gemein haben: So interessant und wichtig der Inhalt Klima ist – manchmal muss er einfach in einem atemberaubenden Abenteuer verpackt sein!

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Julia Dibbern: „Ich schreibe keine Sciene-Fiction!“

Bevor sich Julia Dibbern ganz dem Schreiben von Sachbüchern und Jugendromanen widmete, war sie Journalistin für Nachhaltigkeit. Ihr Beruf machte ihr deutlich, wie sehr unsere Welt schon an die Dystopien anderer Autoren erinnert. So wird auch „Wolkendämmerung“ oftmals fälschlicherweise und vorschnell als Science-Fiction abgetan. Dibbern muss dann leider widersprechen: Die Handlung in ihrem Roman ist zwar frei erfunden, jedoch gründlich recherchiert und durchaus im Bereich des Möglichen. Die Zukunft ist jetzt – in diesem Fall ein erschreckender Gedanke.

Der Roman: die Handlung

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Umweltromane im Klimahaus-Shop, u. a. Julia Dibberns „Wolkendämmerung“

Abseits von jedweden Verhandlungen über das Pariser Abkommen wächst Nick bei seinem Vater in L. A. auf. Er unterrichtet jüngere Kids im Parkours und hilft in einem Gemüseladen aus, um seine Familie über Wasser zu halten, da sein Vater diese Rolle schon lange nicht mehr übernimmt. In seiner Freizeit ist Nick jedoch begnadeter Fotograf – und erhofft sich später auch eine Karriere in dieser Branche. Dieser Wunsch scheint sich schneller, als geglaubt, zu erfüllen, als er auf einem Forschungsschiff PR-Bilder schießen soll – das wäre die Chance für Nick.

Doch am Abend, bevor es losgehen soll, schleicht er sich mit ein paar Freunden auf das Gelände der Firma und überhört ein ungeheuerliches Gespräch, das für keine fremden Ohren bestimmt gewesen war. Nick, unsicher, ob das, was er gehört hat, tatsächlich wahr sein könnte, entschließt sich, seinen Job zu nutzen, um Informationen zu sammeln. Eine Entscheidung mit gefährlichen Folgen …

Der Roman: eine Einschätzung

Mir ging es wohl wie vielen: Das Thema Klima ist zwar interessant und aktuell, aber mich damit auch noch in meiner Lesezeit zu beschäftigen (in der es um Erholung und Unterhaltung gehen soll) … das war dann vielleicht doch etwas zu viel verlangt. Auch das Klimahaus stand schon lange auf meiner To-do-Liste; eine Erfahrung, die ich nun nicht mehr missen wollen würde und die nach einer Wiederholung schreit.

Diesen Sommer wurde ich dann total von Julia Dibberns Roman überrascht. Ich bin schon länger ein Fan ihres Schreibstils und besonders ihrer Dialoge (ganz zu schweigen davon, wie begeistert sie mit einem über ihre Charaktere reden kann!), aber dass sie mich auch mit dem Thema Klima derart mitreißen könnte, hätte ich nicht gedacht. Dabei ist „Wolkendämmerung“ genau die richtige Mischung aus Abenteuer und wichtiger Message: Make Climate Great Again.

Ein wichtiges Thema groß und sexy machen. Das ist ihr durchaus gelungen. Dabei hält sie sich mit Herzchen und Pink und Liebesdingen zurück, sodass der Thriller auch wunderbar für Jungs geeignet ist. Aber: Ich bin weder jugendlich noch ein Junge und habe es dennoch sehr genossen. Als Laie in allen Dingen Klima habe ich sehr viele Informationen mitnehmen können – alles wunderbar versüßt durch einen grandiosen Thrill-Faktor.

Plot:              bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Charaktere: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Schreibstil: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

 

Cornelia Funke zu Besuch in der Hansestadt: Hörspiel-Premiere von „Drachenreiter – Die Vulkan-Mission“

Vergangenen Donnerstag durfte ich bei der Hörspiel-Premiere von Cornelia Funkes neuster Geschichte, „Drachenreiter – Die Vulkan-Mission“, dabei sein. Zu der gemeinsamen Veranstaltung von Cornelia Funkes eigenem Hörspiel-Verlags Atmende Bücher und der ZEIT wurde in die Uni Hamburg eingeladen. Ein ganzer Hörsaal voller langjähriger, aber vor allem auch junger Fans wartete gespannt, dass der Hauptgast angekündigt wurde. Als Cornelia Funke schließlich auf die Bühne gebeten wurde, gab es tosenden Applaus, der gar nicht aufhören wollte.

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Begrüßung zur Veranstaltung von Cornelia Funkes Hörspiel-Verlag Atmende Bücher und der ZEIT. Links: Cornelia Funke

Einen Monat vor dem Erscheinen von Funkes erstem Hörspiel durften wir schon einmal ins nächste Abenteuer der Drachenreiter hineinhören – buchstäblich: Mithilfe von mehreren Sprechern, Tontechnikern sowie einer Band bekamen wir ein paar Kapitel der Geschichte um das FREEFAB-Team, der Organisation zum Schutz aller Fabelwesen, zu hören. Und ihre Hilfe ist wirklich vonnöten, denn überall auf der Welt verschwinden Fabelwesen spurlos. Doch dann erhält das Team Informationen, die es übers Meer bis zu einem Vulkan, bis nach Island führen …

Cornelia Funke übernimmt an diesem Abend die Erzähler-Rolle. Aber auch auf dem tatsächlichen Hörspiel ist sie zu hören: als Winnifred. Warum gerade diese Figur, wird gefragt. Antwort: Weil es keine ihrer eigenen Figuren ist. Das Hörspiel entstand aus einer Zusammenarbeit mit David Fowler: Winni ist seine Figur und dazu noch keine Hauptfigur. Funke wollte nicht im Mittelpunkt des Ganzen stehen. Außerdem passe Winni so gut zu ihr: Genau wie Funke selbst (und auch ihr Sohn, wie sie verrät) ist Winni eine Dramaqueen.

Die Band The German Wahnsinn Team begleitete die Veranstaltung mit extra für das Hörspiel komponierten Liedern.

Auch für Cornelia Funke ist Musik ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Musik sei die größte Kunst auf Erden – mehr noch als Schreiben. Musik könne Dinge ausdrücken, Ebenen erreichen, die nicht in Worten zu beschreiben sind. Sie selbst spiele zwar kein Instrument, singe aber sehr gern. Gesagt, getan. Auf Wunsch eines ihrer jüngsten Fans gibt die Bestseller-Autorin ihr Können zum Besten.

Die Entstehung des Hörspiels

Für ihr erstes Hörspiel gründete Funke ihren eigenen Hörspiel-Verlag, Atmende Bücher, mit Sitz in ihrer alten Heimat Hamburg. Die Idee für die Fortsetzung ihrer Erfolgsserie „Drachenreiter“ entstand jedoch schon viel früher: durch die Zusammenarbeit von Funke mit dem kanadischen Drehbuchautor David Fowler. Durch Fowlers Know-how bekam die Geschichte die Struktur eines Drehbuchs, ein Umstand, der die Adaption zu einem Hörspiel Jahre später definitiv vereinfachte.

Und doch war es für die Bestsellerautorin ein ganz anderes Arbeiten als für ihre sonstigen Romane: Zum einen muss sie ihre Geschichte zum größten Teil mithilfe von Dialogen vermitteln, zum anderen ist es kein einsames Vor-sich-hin-Tüfteln, sondern eine Kooperation von den unterschiedlichsten Menschen. Was Töne und Musik angeht, die später im Hörspiel zu vernehmen sein sollen, hat sich die Autorin ganz auf andere verlassen: „Ich weiß, dass ich mit guten Leuten arbeite. [Tontechnik] ist ihr Handwerk, nicht meins, die wissen das vermutlich besser.“

Sie hat es sich aber nicht nehmen lassen, bereits hier und da im Manuskript ein paar Angaben einzustreuen: „Drachenbrüllen. Wie auch immer das klingt. Ich dachte, damit werden die Jungs ihren Spaß haben. Und sie haben dann noch einen drauf gelegt“, erzählt sie zufrieden und zeigt dankbar zu dem Mischpult hinter den Zuschauern, von wo aus auch an diesem Abend die Geräusche für das Hörspiel eingespielt werden.

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Hörspiel-Premiere: Auch Cornelia Funkes Stimme ist in ihrem ersten Hörspiel „Drachenreiter – Die Vulkan-Mission“ zu hören.

Hinter dem Neunzig-Minuten-Hörspiel verbirgt sich so einiges an Arbeit: Allein dreißig Stunden aufgenommener Sprechertext. Dazu noch circa zehn Tage Schnitt, plus das Aufnehmen von Geräuschen, die teilweise gekauft, teilweise in der Hamburger Umgebung eingefangen wurden. Und zuletzt auch das Komponieren von Liedern, deren Texte ebenfalls aus Funkes Feder stammen.

Und warum hat sich die Autorin dieses Mal für das Medium Hörspiel entschieden? Sie wollte etwas für die Kinder erschaffen, die Geschichten lieber hören, als lesen, und die vielleicht etwas „Angst“ vor zu dicken Büchern haben.

Wunderbar sympathisch und interessiert: Geduldig beantwortet Funke die vielen Fragen ihrer Fans.

Die Kleinen waren am vergangenen Donnerstag die ganz Großen. Die vielen Kinder, die begeistert der Hörspiel-Premiere gelauscht haben, durften der Autorin zum Schluss auch noch all ihre Fragen stellen. Beim Antworten sieht man der Bestsellerautorin aus Malibu an, wie viel Spaß ihr der Kontakt zu ihren Fans, besonders auch den kleinsten unter ihnen, macht. Ihr Kommentar, als sie die langen Schlangen an den Mikrophonen sieht: „Ich wusste, ihr lasst mich nicht hängen.“

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Woher nimmt sie ihre Inspiration? „Ich höre ständig Geschichten in meinem Kopf“, erklärt sie. Sie könne sich jederzeit hinsetzen und drei weitere Geschichten niederschreiben. Zu jeder gegeben Zeit arbeite sie an mehreren Projekten gleichzeitig. So sind zurzeit z. B. neben mehreren Kurzgeschichten und weiteren Hörspielen gleich drei große Fortsetzungen in der Mache: ein weiterer Drachenreiter-Roman, der vierte Band der Reckless-Reihe sowie eine Fortsetzung der Tintenwelt-Reihe, die fünf Jahre nach Tintentod spielen wird. Besonders letzteres ließ anwesende Fan-Herzen höher schlagen. Ein wenig gedulden müssen wir uns aber noch: Sie habe zwar bereits um die 160 Seiten geschrieben, „Die Farbe der Rache“ werde dennoch voraussichtlich erst 2019 erscheinen. Sie wolle sich für den Roman-Liebling genug Zeit lassen, um den Fan-Erwartungen gerecht zu werden. Aber Leser dürften sich jetzt schon auf ein Wiedersehen mit alten Bekannten freuen.

Warum schreibt sie? „Du lebst dauernd ein neues Leben. Heute habe ich Flügel, morgen bin ich ein Wal.“

Mit welcher Figur kann sie sich am besten identifizieren? Fuchs (Reckless)

Welche Figur ist ihre Lieblingsfigur? Fliegenbein (Drachenreiter)

Was ist ihre Lieblingsband? The National

Welches ihrer Bücher ist ihr Lieblingsbuch? Das kann sie gar nicht sagen, das wäre, als müsste sie sagen, welches ihrer Kinder ihr liebstes wäre. Ihre Romane seien alles ihre gedruckten Kinder, die sie aus unterschiedlichen Gründen toll finde.

Was ist ihr Lieblingsbuch aus der Kindheit? Narnia und Tom Sawyer; überhaupt Abenteuerbücher, sogenannte „Jungsbücher“; früher lieh sie sich ganze Stapel Bücher aus der Stadtbücherei aus, um durch die gedruckten „Fenster“ ihrer langweiligen Heimatstadt zu entkommen.

Wie schreibt sie ihre Romane? Seinem Gedächtnis dürfe man nicht trauen, sagt sie. Das sei gefährlich; Ideen würden nicht lange im Gedächtnis haften bleiben, deshalb müsse man immer alles gleich aufschreiben, selbst, wenn man dafür auf seinen Arm schreiben muss. Und da Ideen immer zur falschen Zeit kämen, trage sie immer ein Notizbuch mit sich herum. Überhaupt schreibt sie zuerst immer in ein Notizbuch, per Hand. Die Geschichte kommt auf die rechte Seite, die linke bleibt leer für spätere Notizen und Ideen sowie Skizzen.

Warum ist sie Autorin geworden? Sie war zuerst Illustratorin, fand aber irgendwann ihre Aufträge zu langweilig. „Ich wollte Drachen zeichnen und Meerjungfrauen malen. Dann muss ich wohl selbst ein Buch schreiben, hab ich mir gedacht. Anfangs habe ich nur Romane geschrieben, um diese illustrieren zu können. Dann habe ich gemerkt, dass ich ganz gut darin bin. Und so hatte ich auf einmal einen zweiten Beruf.“

Wann hat sie ihr erstes Buch geschrieben? „Ich war steinalt. Kannst du dir vorstellen, 28 Jahre alt zu sein?“

Wie lange schreibt sie an einem Buch? Ganz unterschiedlich. An einem Bilderbuch: drei Stunden – wenn die Ideen fließen; an Reckless: zwei Stunden; an einem Wilde-Hühner-Roman: drei bis vier Monate; an einem Drachenreiter-Roman: ein Jahr …

Wie ist die Wilde-Hühner-Reihe entstanden? Ihre Lektorin bat sie, einmal ein Buch ohne Feen oder andere Fabelwesen zu schreiben. Also packte Funke alle möglichen Personen und Kinder aus dem eigenem Leben sowie die Hühner, die sie selbst einmal gehalten hat, in ein Buch: Die Geburtsstunde der Wilden Hühner, die jetzt gerade zum ersten Mal in Amerika erscheinen. Auf Englisch: The Wild Chicks. Funke meint, es sei interessant zu beobachten, wie amerikanische Kinder darauf  reagieren, wie deutsche Kinder leben, und erinnert sich an einen deutschen Vater eines Fans, der sich bei ihr bedankte, weil er wegen ihrer Romane einen Hühnerstall in seinem Garten bauen durfte.

Warum schreibt sie keine weiteren Wilden-Hühner-Bücher? Für sie muss eine Bücherreihe nicht immer weitergehen. Wenn ein Projekt zu Ende gehe, weine sie ihm keine Träne hinterher, viel eher sagt sie: „Hurra, und auf zum nächsten!“ Gleichzeitig fordert sie die jungen Leser auf: „Aber ihr könnt noch tausend Hühner-Bücher schreiben!“

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Links: Tosender Applaus, nicht nur für Bestsellerautorin Cornelia Funke, sondern auch für die Hörspiel-Sprecher, Band und Tontechniker, die den Abend möglich gemacht haben. // Rechts: Cornelia Funke gibt unermüdlich Autogramme.

Ein Aufruf zum Schreiben: Der Stab wird weitergereicht.

„Die Welt ist voller Geschichten“, erzählt Funke ihren jüngsten Zuhörern. Ein Aufruf an die nächste Generation Autorinnen und Autoren. Sie selbst mache nichts lieber, als zu schreiben … außer vielleicht Schokolade essen.

Cornelia Funke und ich
Cornelia Funke (rechts) und ich

Ein großer Dank an Lütte Lotte

Es war ein gelungener Nachmittag. Nach der tollen Veranstaltung nahm sich Cornelia Funke noch die Zeit, Autogramme zu geben und ihre Fans kennenzulernen. Ich verdanke meine Eintrittskarte einem Gewinnspiel des Blogs Lütte Lotte. Ohne sie hätte ich gar nicht mitbekommen, dass mein Schreib-Idol in Deutschland war. Vielen, vielen Dank.

Und als i-Tüpfelchen: Später am Abend setzte sich Cornelia Funke in den Restaurant, in dem ich noch mit Freunden saß, an den Nebentisch. Bevor sie ging, habe ich noch schnell um ein Foto bitten können. Ein perfekter Abschluss zu einem tollen Tag!

Im Gespräch mit Mechthild Gläser: „Es sind einfach nur ein paar Papierseiten mit Druckerschwärze und einem Pappdeckel drum, aber trotzdem ist es eine ganze Welt.“

Die Leipziger Buchmesse war der perfekte Ort für mein Interview mit Mechthild Gläser: Umgeben von Neuerscheinungen ließ sich hervorragend über die Thematik des „Buchs im Buch“ in phantastische Geschichten sprechen und über schillernde Charakteren schwärmen.

In meiner Rezension kannst du noch mehr über Mechthilds neusten Roman erfahren.

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Mechthild Gläser über den Inhalt ihrer Romane

„Emma, der Faun und das vergessene Buch“ [„Emma“] ist eine ganz besondere Mischung an literarischen Gattungen. Wie würdest du es beschreiben?

Mechthild Gläser [MG]: Emma ist eine Mischung aus Fantasy- und Liebesgeschichte. Zum einen soll es eine moderne Version von Jane Austen („Stolz und Vorurteil“ und „Emma“) sein, zum anderen gibt es aber auch Fantasy-Elemente. Zum Beispiel die Chronik, die „meine“ Emma findet, und der mysteriöse Faun, der darin erwähnt wird. Der Roman dreht sich dann um die Fragen: Wer ist der Faun und gibt es ihn wirklich?

Die Namen Emma und Darcy sind auch aus Austen-Romanen entliehen – aber aus zwei verschiedenen. Wieso hast du dich dagegen entschieden, deinen Charakteren Namen aus derselben Geschichte zu geben?

MG: Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre „Stolz und Vorurteil“ mein Lieblingsbuch von Jane Austen, aber ich finde auch den Emma-Charakter total toll, weil das eine so starke Frau ist. Ich wollte eine richtig starke Mädchenfigur schreiben, die Entscheidungen trifft und ein bisschen vorprescht. In vielen Romanen schlittern die weiblichen Figuren eher passiv ins Abenteuer rein; ich wollte lieber eine toughe, ebenbürtige Figur zu meinem Darcy.  Natürlich finde ich Lizzie auch super, aber es hat mich einfach gereizt, diese beiden Figuren zu kombinieren.

Gleich zu Beginn gibt es eine Feier, die der in „Stolz und Vorurteil“ sehr ähnelt. Wer Jane Austen kennt, sieht da sicherlich Parallelen. Wie sehr ist die Handlung an die Originalgeschichte angelehnt? Ist „Stolz und Vorurteil“ lediglich deine Ausgangssituation oder dürfen die Leser auf weitere Parallelen hoffen? 

MG: Auch im späteren Verlauf der Geschichte kommen Szenen vor, die man wiedererkennen könnte. Ich habe schon geguckt, wie die Jane-Austen-Romane aufgebaut sind, und habe versucht, das in eine moderne Version zu übersetzen. Aber trotzdem entwickelt sich die Handlung anders, allein schon durch die fantastischen Elemente.

Und natürlich geht es in Jane Austens Romanen immer darum, dass die Protagonistin am Ende heiratet. Meine Emma muss nicht heiraten; das allein nimmt schon den Druck weg, was die Liebesgeschichte angeht. Die ist da, aber nicht so dominant wie bei Austen.

Durch die fantastischen Elemente entfernt sich die Erzählung also von den Austen-Vorbildern?

MG: Definitiv. Mir ist es wichtig, dass man das Buch lesen kann, auch wenn man nicht der totale Hardcore-Austen-Fan ist. Bei „Die Buchspringer“ ging es mir sehr ähnlich. Ich wollte klassische Literatur erwähnen, und wenn der Leser diese Bücher kennt, dann hat er einen kleinen Aha-Effekt. Aber wenn jemand die Romane nicht kennt, dann soll er die Geschichte trotzdem verstehen und Spaß dran haben können. Ich kann nicht erwarten, dass alle zwölfjährigen Mädchen, die dieses Buch vielleicht kaufen könnten, Jane Austen gelesen haben.

Hast du das Gefühl, dass deine Romane bei älteren Leser zu einer Art nostalgischem Lesen führen? Da sie über Bücher lesen, die sie noch „von früher“ kennen?

MG: Ich habe schon den Eindruck, dass viele in der Zielgruppe zwanzig bis dreißig meine Bücher lesen. Für die sind dann vielleicht noch mehr Wiedererkennungsmomente drin als für jüngere Leser. Andersrum finde ich es auch schön, wenn Kinder vielleicht auf die Idee kommen, sich doch mal die Klassiker anzugucken. Ich möchte mit meinen Büchern niemanden erziehen oder zu irgendetwas verleiten, aber ich fände es trotzdem schön, wenn sie Lust darauf machen, noch mehr zu lesen – ganz unabhängig davon, was man dann liest.

Deine Romane spielen immer an außergewöhnlichen Orten wie der isolierten Insel bei den „Buchspringern“ oder das Internat bei „Emma“, das bei Hanni-und-Nanni- und Harry-Potter-Fans die Nostalgie-Note anklingen lässt. War das auch für dich eine Herzenssache?

MG: Dass es so gekommen ist, war ehrlich gesagt eher die Geschichte, die es gefordert hat. Bei den „Buchspringern“ flieht Amy am Anfang und ich wollte ein Setting haben, bei dem sie fernab von ihrem eigentlichen Leben ist, wo sich die Geschichte entwickeln kann. Und bei „Emma“ brauchte ich auch ein in sich abgeschlossenes Setting, weil Emma mit der magischen Chronik die Welt um sich herum verändert. In einer Großstadt wären diese Veränderungen wahrscheinlich nicht so schnell aufgefallen, weil dort viel mehr Komponenten mit hineinspielen.

Sprichst du bewusst in deinen Romanen die Probleme zwischen Jugendlichen und ihren Eltern an?

MG: Tu ich das? Dann mache ich es eher unbewusst. Aber ich glaube, dass es in Jugendbüchern oft ums Abnabeln und Erwachsenwerden der Protagonisten geht. Wahrscheinlich hat jeder Jugendliche irgendwelche Probleme mit den Eltern, sodass sie sich in die Figuren hineinversetzen können. Und natürlich schreibe ich gerne über Konflikte, da ich ohne sie nicht viel zu erzählen hätte.

Manche deiner Romane scheinen ein offenes Ende zu haben. Sind es trotzdem Einzelbände – oder hältst du dir die Hintertür offen, vielleicht doch noch mal eine Fortsetzung zu schreiben?

MG: Meine ersten beiden Romane waren eine Dilogie, aber das lag einfach daran, dass eine Geschichte manchmal eben einfach so viel hergibt, dass man zwei Bücher dafür braucht. „Emmas“ Ende ist hingegen abgeschlossen, das der „Buchspringer“ dafür ein wenig offener. Aber eigentlich habe ich keine Fortsetzungen geplant. Ich finde es reizvoll, sich mit jedem Buch eine neue Welt und neue Figuren ausdenken zu können. Und das Buch als etwas in sich Abgeschlossenes, Rundes zu planen.

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Mechthild Gläser über ihren Schreibprozess

Wie ist dein Schreibprozess? Hast du eine Grundidee und legst dann los oder planst du alles durch?

MG: Ich bin schon eine ziemliche Planerin. Es gibt Autoren, die haben eine Idee, und am nächsten Tag können sie anfangen zu schreiben. Das ist bei mir gar nicht so. Ich habe eine relativ lange Phase, in der ich Ideen sammle und überlege: Worum geht es eigentlich? Was will der Bösewicht? Wer ist der Bösewicht? Braucht man überhaupt einen Bösewicht?

Ich stelle mir selbst Fragen und überlege, was wichtig sein könnte, und zeichne eine Plotline auf und was in den einzelnen Kapiteln passiert. Das mache ich schon sehr genau. Wenn ich vor einem weißen Blatt Papier säße, hätte ich viel zu viel Angst, anzufangen und mich in eine Ecke zu schreiben. Oder am Ende noch mal alles zigmal umschreiben zu müssen, weil man am Anfang doch etwas anders hätte machen müssen. Ich fühle mich beim Schreiben besser, wenn ich vorher weiß, wohin es geht.

Ist es schon mal passiert, dass etwas trotz Planung ganz anders gekommen ist, als geplant?

MG: Das passiert andauernd. Während des Schreibens schiebe ich den Plan dann oft noch mal um. Aber das ist auch okay. Wenn es kommt, dass ich denke Ne, so würde die Figur das nicht machen. Das passt nicht und wäre total unglaubwürdig, dann würde ich dem auch nachgehen und versuchen, den Plan anzupassen. Aber trotzdem habe ich immer noch den Masterplan und weiß, was im nächsten Kapitel passieren wird und wie alles endet – wenn es nicht so wäre, würde mich das zu sehr unter Druck setzen.

Wie läuft bei dir die Recherche ab? In „Die Buchspringer“ erwähnst du viele Klassiker. Hattest du die Szenen noch alle von früheren Lektüren im Kopf oder hast du die Bücher alle noch einmal gelesen?

MG: Das war eine Mischung. Ich habe relativ lange vorher recherchiert, welche Bücher ich in meine Geschichte integrieren möchte – welche Szenen würde zur Handlung passen, was bietet sich an, welche Bücher haben ein tolles Setting, in das ich schon immer gerne mal  hineinschnuppern wollte.

Aber ich habe dann während des Schreibens auch gerne noch mal die Bücher zur Hand genommen, besonders um die Szenen, in die meine Helden hineinspringen, noch einmal im Original zu lesen, um die Details richtig wiederzugeben. Natürlich habe ich die Klassiker nicht eins zu eins übernommen, sondern habe sie vom Ton und von der Erzählweise in meine Geschichte eingeflochten. Sonst wäre am Ende ein Puzzle aus verschiedenen Stilen herausgekommen, und ich wollte ja schon etwas Eigenes schreiben. Daher musste ich jedes Mal schauen, wie es sich am besten adaptieren lässt.

Wie sieht das rechtlich aus? Muss man als Autor auf sowas achten?

MG: Ich habe kaum Zitate eingebaut – und die wenigen werden direkt vorne im Buch genannt. Ansonsten habe ich Klassiker gewählt, bei denen die Autoren schon über siebzig Jahre tot sind [wodurch die Urheberrechte nicht verletzt werden] – der jüngste Roman war „Der Kleine Prinz“, dessen Autor 1944 gestorben ist. Mein Buch kam 2015 raus, sodass das gerade noch gepasst hat. Aber ja, da muss man schon drauf achten.

Gibt es etwas, das du in jeden Roman einbaust?

MG: Ich habe nicht einen Satz, der überall drin vorkommt. Ich weiß, es gibt Autoren, die das machen, und ich finde das auch ganz witzig, aber das ist bei mir nicht so. Ich habe das Gefühl, ich schreibe jedes Mal ein ganz anderes Buch. Obwohl die Leute, die meine Bücher lesen, mir schon gesagt haben, dass man merkt, dass sie von mir sind. Ich weiß gar nicht, woran das genau liegt, ob das der Erzählton ist … Anscheinend gibt es einen Wiedererkennungswert, aber worin der genau besteht, kann ich selbst gar nicht greifen.

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Mechthild Gläser über ihr Dasein als Autorin

Hast du einen Lieblingsschreibort?

MG: Ich schreibe viel zuhause, aber ich schreibe auch in öffentlichen Bibliotheken. Ich finde das total nett, wenn um einen herum auch noch andere Leute mit ihren Laptops sitzen und jeder leise vor sich hin arbeitet. Das motiviert: Ach, alle arbeiten, dann muss ich wohl auch wieder ran. Dort kann ich mich besser strukturieren. Zuhause werde ich schnell abgelenkt.

Schreibst du hauptberuflich?

MG: Jein. Ich habe eine Zeit lang hauptberuflich geschrieben. Aber inzwischen habe ich wieder angefangen zu studieren. Dieses Mal Medizin. Das ist einiges an Arbeit. Deswegen muss ich gucken, wie ich alles unter einen Hut kriege. Ich würde immer noch sagen, dass ich hauptberuflich schreibe, weil ich damit mein Geld verdiene, aber ich habe quasi nicht mehr hauptberuflich Zeit, um zu schreiben.

Und warum gerade Medizin?

MG: Ich habe mir nach dem Abi überlegt, dass ich was mit Schreiben machen oder Ärztin werden will. Also habe ich zuerst Geisteswissenschaften studiert und mit den Büchern angefangen. Als das dann aber so gut geklappt hat, kam dann irgendwann der Punkt, wo ich dachte War es das jetzt? Willst du noch was anderes? Ich habe mir dann überlegt: Vielleicht habe ich dadurch, dass ich das mit den Büchern machen darf, auch noch die Chance, etwas anderes zu machen. Ich würde später auch wirklich gerne als Ärztin arbeiten. Aber ich will auch gerne weiter schreiben. Man muss einfach schauen, wie es sich entwickelt.

Dann hast du ja einiges um die Ohren. Wie sieht es da mit dem inneren Schweinehund oder Schreibblockaden aus?

MG: Schreibblockaden habe ich eher weniger, was wohl auch an meiner detaillierten Planung liegt. Und der Schweinehund: Natürlich macht mir Schreiben Spaß, ich kann da super drin aufgehen und alles um mich herum vergessen. Aber letzten Endes ist es immer noch Arbeit. Und man hat nicht immer jeden Tag gleich viel Lust und würde an manchen Tagen vielleicht lieber etwas anderes machen, was aber wegen der Abgabetermine nicht geht.

Das heißt, du stellst dir selbst ein Pensum, das am Tag geschafft werden muss?

MG: Ich versuche mir immer Tages-, Wochen-, Monatsziele zu setzen. Ich halte die nicht immer ganz ein. Manchmal läuft es gut und ich schreibe mehr Seiten als geplant, mal läuft es schlechter, weil eine Szene schwierig ist und ich noch dreimal drübergehe, bevor ich zufrieden bin. Das kann auch schon mal vorkommen.

Wie lange schreibst du an den Büchern?

MG: Das ist ganz unterschiedlich. An „Emma“ habe ich ein halbes Jahr gearbeitet. Reine Schreibzeit. Ich habe Ende August angefangen und Ende Januar abgegeben. Die Ideenfindung fand die Wochen davor statt. Aber in der Zeit macht man nicht nur das, sondern sitzt noch an einem Lektorat eines anderen Buches oder schreibt noch mal wieder was anderes. Ganz genau lässt sich das also nicht festlegen. Aber dieses erste Planen zieht sich schon über mehrere Wochen, bevor ich ein Exposé schreibe und das den Verlagen schicke.

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Mechthild Gläser über die Anfänge als Autorin

Warum schreibst du jugendliche Phantastik? Was fasziniert dich daran?

MG: Ich habe als Fünfzehnjährige angefangen zu schreiben und das war halt das, was ich damals auch selbst gelesen habe. Zum einen könnte man also sagen, ich bin da hängen geblieben. Andererseits finde ich, dass man im Jugendbuch-Bereich viel ausprobieren kann, ganz anders als bei Büchern für Erwachsene, wo die Genres viel abgegrenzter sind. Beim Jugendbuch habe ich das Gefühl, dass man eher mal vom Weg abweichen darf. Und Fantasy mag ich persönlich total gerne. Da kann ich meiner Kreativität freien Lauf lassen und erfinden, was ich will.

Du hast früh angefangen zu schreiben. Bereits in der Schule wurde dein Theaterstück aufgeführt. Wie waren damals deine ersten Schritte als Schriftstellerin?

MG: Ich habe das alles gar nicht erwartet. Als das Theaterstück aufgeführt wurde, fühlte sich das wie eine Art Betätigung an: Ok, vielleicht hast du ja doch etwas Talent. Vielleicht lässt sich daraus ja was machen. Nach dem Theaterstück habe ich mich dann auf Bücher verlegt. Bei denen hat es dann aber länger gedauert, bis ich veröffentlicht wurde. Ich bin zwar ziemlich schnell an eine Agentur gekommen – ich war gerade einmal siebzehn – und das war auch ein total tolles Gefühl –, aber darum war es dann auch etwas niederschmetternd, als dann keiner das Buch wollte. Damals hätte ich noch den Teenie-Bonus gehabt – eine junge Autorin lässt sich halt gut vermarkten. Leider war dem dann aber nicht so.

Weißt du noch, wem du zuerst erzählt hast, dass dein erster Roman veröffentlicht werden würde?

MG: Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Ich weiß noch, dass ich auf der Arbeit war, als ich davon erfahren habe – damals hatte ich einen Studentenjob in der Bibliothek und durfte eigentlich gar nicht telefonieren. Aber da hat mir meine Agentin erzählt: „Loewe will dein Buch veröffentlichen!“ Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet und war dann völlig aus dem Häuschen und stand dann schon etwas neben mir. Wahrscheinlich habe ich meinen Eltern als erstes davon erzählt.

Überlegst du, die Bücher von damals jetzt doch noch zu veröffentlichen?

MG: Meine Agentur hat mich das auch schon gefragt: „Wie wäre es denn, wenn wir noch mal etwas aus der Schublade kramen, was du mit siebzehn/achtzehn geschrieben hast?“ Aber ich habe das Gefühl, dass ich mich seitdem extrem weiterentwickelt habe. Das waren damals nur die ersten Schreibversuche. Ich würde nicht sagen, dass es total grottig war, aber ich würde heute einfach vieles anders machen. Vielleicht kann man daher eher die Grundidee oder die Charaktere von damals nehmen und etwas Neues daraus basteln. Aber ich habe auch so viele neue Ideen, dass ich wahrscheinlich gar nicht dazu kommen werde.

Rückblickend auf diese erste Zeit als Jungautorin – hast du Tipps für angehende (junge) Autoren?

MG: Es ist wichtig, dass man nicht aufgibt. Man steckt halt erst mal Absagen ein. Das ist einfach so. Es kommt halt selten vor, dass man etwas schreibt und sofort sind alle begeistert und es wird direkt ein Bestseller. Es wäre natürlich schön, wenn das passiert, und ich freu mich für jeden, bei dem es so klappt, aber bei den meisten ist es eben nicht so. Ich war dann auch immer traurig, wenn es nicht geklappt hat, aber mich hat es angespornt, zu sagen: Ok, dann mach ich es jetzt eben besser. Es ist schon fast eine Art Trotz, die man haben muss. Das ist das Wichtigste: Das man immer weiterschreibt und sich nicht unterkriegen lässt.

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Mechthild Gläser über ihre Lesegewohnheiten

Was ist dein Lieblingsbuch aus deiner Kindheit?

MG: Ich habe total gerne „Momo“ von Michael Ende gelesen. Ich habe es in der fünften oder sechsten Klasse gewonnen. Das war so ein Buch, das ich die ganze Zeit mit mir herumgeschleppt habe.

Und ein Lieblingsbuch aus den letzten Jahren?

MG: Ich mag die Bücher von Antonia Michaelis total gerne.

In deinen Romanen geht es oft um das haptische Buch. Wie wichtig ist dir in der heutigen digitalen Zeit das Print-Buch? Und liest du selbst E-Books?

MG: Ich lese auch E-Books, aber ich empfinde das tatsächliche, haptische Buch immer noch als etwas ganz Besonderes. Ich bin damit aufgewachsen, und ich finde es immer noch faszinierender, das Werk wirklich in den Händen zu halten. Es sind einfach nur ein paar Papierseiten mit Druckerschwärze und einem Pappdeckel drum, aber trotzdem ist es eine ganze Welt. Für mich ist es eine Art Wunder, das in dem Buch steckt. Und das spüre ich meiner Meinung nach mehr, wenn ich ein echtes Buch in der Hand halte. Aber meine Bücherregale sind auch begrenzt, darum habe ich auch einen E-Reader.

Wann liest du? Wenn gerade ein paar Minuten frei sind? Oder nimmst du dir die Zeit, Bücher zu genießen?

MG: Seit ich selbst schreibe und Abgabetermine habe, ist das Lesen leider zurückgegangen. Als Jugendliche habe ich jede Woche Bücher aus der Stadtbücherei ausgeliehen und bin darin aufgegangen. Ich lese immer noch total gerne, aber wie wahrscheinlich bei den meisten Leuten mache ich das jetzt eher im Urlaub oder abends vor dem Einschlafen – nur ein paar Seiten und dann bin ich auch schon weg.

Außerdem ist es leider doch so, dass ich, wenn ich den ganzen Tag vor meinem eigenen Text gesessen habe, abends keinen anderen Text mehr sehen kann, meine Augen sind dann einfach müde. Dazu kommt noch, dass es, wenn ich dann auch noch Jugendbücher lese, fast schon wieder Arbeit ist – Marktbeobachtung oder Recherche. Oder mir fällt auf Oh, der hat den Charakter aber toll aufgebaut. Woran liegt das, dass das hier so gut funktioniert? Diese Hintergründe sind spannend für mich, im Hinterkopf hat man dann halt doch einen kleinen Lektor sitzen, der mitdenkt. Wenn ich also zum Vergnügen lese, lese ich dann doch eher ein anderes Genre, damit ich abschalten kann.

Was machst du sonst noch, um eine Auszeit vom Schreiben zu haben?

MG: Ich gehe gerne spazieren, bin in der Natur unterwegs. Schaue Serien oder treffe mich mit Freunden und koch was mit denen. Nichts Spektakuläres.

Wenn dich ein Charakter in unserer Welt besuchen könnte, welcher wäre das?

MG: Da fallen mir natürlich gleich Jane-Austen-Charaktere ein, Lizzie und Darcy zum Beispiel. Aber auch Sherlock Holmes oder Peter Pan sind faszinierende Persönlichkeiten. Es gibt schon sehr schillernde Charaktere in der Literatur, das wäre schon sehr spannend.

Und in welcher Buchwelt würdest du gerne selbst einmal leben?

MG: Ich würde gerne nicht nur in einer Buchwelt leben können. Das hatte mich auch gereizt, als ich meine Romane geschrieben habe: dass man viele Welten erkunden kann. Das würde ich liebend gern können. Ich würde gerne alle meine Lieblingsbücher besuchen und auch gerne einen Tag in Hogwarts verbringen. Dennoch ist es vielleicht ganz schön, wenn man sie besuchen und dann zurück auf sein Sofa springen könnte.

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Mechthild Gläser über die Zukunft

Und was kommt für dich als Nächstes?

MG: Ich schreibe gerade an einem Roman. Es wird wieder Fantasy ab zwölf – wer hätte das gedacht? [lacht] Es erscheint im Frühjahr 2018. Ich kann noch gar nicht viel darüber verraten. Dieses Mal handelt es nicht um ein Buch, sondern um ein anderes Thema. Und ist vielleicht auch etwas düsterer als das, was ich bisher geschrieben habe.

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Mechthild Gläser …

… wurde 1986 geboren.

… studierte Politik, Geschichte und Wirtschaft – und seit Neustem auch Medizin.

… trinkt am liebsten Pfefferminztee.

Ihre Romane: „Stadt aus Trug und Schatten“ (2012) und „Nacht aus Rauch und Nebel“ (2013), „Die Buchspringer“ (2016), „Emma, der Faun und das vergessene Buch“ (2017)

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Im Gespräch mit Beth Revis, Teil 2: Über innere Schweinehunde und eine Vorliebe für Mahagoni

Vor einiger Zeit durfte ich die amerikanische Erfolgsautorin Beth Revis über ihren Roman „A World Without You“ befragen. Dabei kamen wir auch auf ihre Arbeit als Autorin zu sprechen.

Beth Revis und das Schreiben

Wie fühlte es sich an, als du erfahren hast, dass dein erster Roman veröffentlicht wird?  

BR: Es war unglaublich. Ich habe über zehn Jahre zehn Romane geschrieben, bevor ich den Anruf bekommen habe. Ich hatte beinahe aufgegeben.

Wolltest du schon immer eine Autorin werden?

BR: Schon IMMER.

Wo findest du deine Inspiration?

20170224_030100BR: Überall! In der „Godspeed“-Trilogie habe ich zum Beispiel das Gefühl (in einer ländlichen Gegend) gefangen zu sein (weil man arm ist) genommen und es ins Weltall verlagert. Weil einfach alles cooler im Weltall ist.

Der Kampf meines Bruders gegen seine psychische Erkrankung war meine Inspiration für
„A World Without You“ – aber Inspiration findet man überall und zu jeder Zeit. Wo immer ich etwas finde, was mir gefällt, sei es „Doctor Who“ und die Idee der Zeitreise oder einfach ein Gemälde, fließt es mit in mein Werk ein. Zum Beispiel liebe ich es seit Effie Trinket, das Wort „Mahagoni“ in meinen Geschichten einzubauen.

Hast du eine Routine beim Schreiben? 

BR: Meine Routine ist normalerweise sehr locker. Ich schreibe, wann und wie viel ich will –  bis die Deadline sich bedrohlich abzeichnet. Dann lass ich alles stehen und liegen und arbeite rund um die Uhr.

Hast du einen Lieblingsort, an dem du schreibst?

BR: Mein Mann hat mir einen wunderschönen Schreibtisch gebaut. Aber normalerweise sitze ich zum Schreiben mit meinem Hund auf der Couch.

Darf jemand außerhalb des Verlags dein Manuskript lesen?  

BR: Mein Ehemann kriegt meist kurze Abschnitte zu lesen, zu denen ich ganz spezifische Fragen habe („Ergibt das einen Sinn?“). Wenn es um ganze Szenen oder das ganze Buch geht, habe ich eine Gruppe von Freunden – alles Autoren und Autorinnen -, die ich um Rat fragen kann.

Was machst du, wenn jemandem etwas gar nicht gefällt?

BR: Wenn jemandem etwas nicht gefällt, überlege ich ganz genau, warum er es nicht mag. Manchmal bleibe ich meinem Schreiben treu, meist schreibe ich aber um: Ich vertraue meinen Lesern.

Hast du einen Tipp gegen Schreibblockaden und den inneren Schweinehund? 

BR: „Innerer Schweinehund“ – Das ist ab jetzt mein Lieblingsbegriff im Deutschen!

Um erst gar keine Schreibblockaden aufkommen zu lassen, habe ich mir angewöhnt, eine Schreibphase zu beenden, bevor meine Inspiration mich verlässt – d. h. dass ich die Szene nicht zu Ende schreibe. So weiß ich am nächsten Tag gleich, wo ich ansetzen muss und was als nächstes passieren wird. Dadurch werde ich nicht direkt zu Beginn von anderen Dingen, die zu erledigen sind, abgelenkt oder erliege dem inneren Schweinehund. Und wenn man erst einmal angefangen hat, ist es auch einfacher, weiterzuschreiben.

Was kommt als Nächstes?

Arbeitest du gerade an einem neuen Roman?

BR: Ich habe Ende letzten Jahres den nächsten Roman beim Verlag eingereicht. Dobby ist jetzt ein freier Elf!!!

Planst du, demnächst einmal nach Deutschland zu kommen? (Falls ja, ich lebe in der Nähe von Hamburg!)

BR: Ich würde so gerne nach Deutschland kommen, aber bisher ist noch nichts in die Richtung geplant. Leider. Aber den Hamburger-Raum kenne ich gut – meine Vorfahren kommen auch aus der Gegend!

Lese-Vorschläge von Beth Revis

Was liest du gerade bzw. was liegt ganz oben auf deinem Stapel ungelesener Bücher?

diabolicBR: Ich lese gerade „Diabolic“ von S.J. Kincaid.

Ich habe aber auch schon ein Auge auf eine Biografie vom Marquis de Lafayette geworfen, nachdem ich wie besessen den „Hamilton“-Soundtrack gehört habe.

Außerdem „lese“ ich viele „Star Wars“-Hörbücher, was einfach nur super ist – die kommen nämlich mit SOUNDEFFEKTEN!!!

Weitere Fakten über Beth Revis

  • Ihre Romane wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
  • Neben „AWWY“ und der „Godspeed“-Reihe hat sie auch das Buch „The Body Electric“ sowie zahlreiche Kurzgeschichten und die Sachbuchreihe „Paper Hearts“ für angehende Autoren geschrieben.
  • Sie lebt in North Carolina, USA, zusammen mit ihrem Mann, ihrem Sohn und zwei riesigen Hunden.
  • Ihre Lieblingsserien sind „Firefly“ und „Doctor Who“ – ein echtes Scifi-Fangirl eben.
  • Sie hat früher als Lehrerin gearbeitet. In ihren Romanen bringt sie regelmäßig ehemalige Schüler um – auf deren Wunsch.
  • Sie hat auch einen Blog und einen Newsletter!

Im Gespräch mit Beth Revis: Wieso „A World Without You“ ihr bisher persönlichster Roman ist

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Beth Revis kannte ich bis letztes Jahr nur von ihrer Godspeed-Reihe, in der es um eine Reise durchs All geht, bei der es zu unerwarteten Komplikationen kommt. Die All-Age-Trilogie hatte mich mit ihrer Liebe zum Detail, ihrer Weltenbildung und ihren unvorhersehbaren Plot-Twists überzeugt – als ich also hörte, dass Beth Revis die Kuratorin der ersten Literary Young Adult Box von Quarterly sein würde, war ich sofort Feuer und Flamme. Ihr Name garantierte mir, dass ich die doch etwas hohen Versandkosten aus den USA nicht bereuen würde.

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Als die Box dann schließlich kam – und mit ihr zusammen „A World Without You“ (AWWY) -, lernte ich eine ganz neue Seite der amerikanischen Erfolgsautorin kennen. AWWY ist kein Science-Fiction-Roman und behandelt schwere Themen wie psychische Erkrankung und Verlust. Und gleichzeitig sind auch hier viele Fandom-Details zu finden, die auf die Vorliebe der Autorin für Science Fiction hinweisen, sei es die Namensgebung oder die Traumwelt von Bo (siehe unten). AWWY ist anders als alles, was ich vorher von Beth Revis gelesen habe. Es ist mehr – mehr Emotion, mehr Gänsehaut, mehr Hinterfragung der Realität. Die Geschichte ging mir unter die Haut.

Später bekam ich dann die Möglichkeit, der Autorin direkt Fragen zu sowohl AWWY als auch zu ihrem Dasein als Autorin zu stellen. Das folgende Interview habe ich aus meinen Fragen und denen anderer Quarterly-Abonnenten sowie den Kommentaren und dem Anschreiben aus der Quarterly Box zusammengestellt.

„Realität ist nicht mehr so wichtig wie das, was wir als real empfinden.“

Als sie erfuhr, dass ihre Quarterly-Box es bis nach Deutschland geschafft hatte, war sie begeistert.

Beth Revis (BR): Hi! Guten Tag, Rabea! Deutschland ist eins meiner Lieblingsländer, auch wenn ich leider erst zweimal dort gewesen bin. Ich will aber unbedingt noch mal wiederkommen. [Während unsere Korrespondenz ansonsten auf Englisch verlief, schrieb sie hier tatsächlich die deutsche Begrüßung, ein nettes Detail, was sie mir gleich noch sympathischer gemacht hat.]  

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Wie lange hast du insgesamt an AWWY geschrieben?

BR: Alles in allem circa zehn Monate. Was ungewöhnlich schnell für mich war. Aber ich hatte in der Zeit auch eine andere Deadline, die ich einzuhalten hatte: Am Freitag habe ich das Buch eingereicht, und am folgenden Montag kam mein Sohn auf die Welt.

Wie war es für dich, AWWY mit uns zu teilen – insbesondere durch die Quarterly Box?

BR: AWWY ist mein bisher persönlichstes Buch. Die Quarterly Box ermöglichte einen noch intensiveren Austausch mit dem Leser und erlaubte mir eine wunderschöne Möglichkeit, meine Gedanken und Erinnerungen zu teilen.

Wie kommt es, dass du bei AWWY thematisch in eine so andere Richtung gegangen bist als in deinen vorherigen Science-Fiction-Romanen?

BR: Ich hatte nie vor, AWWY zu schreiben. Als ich anfing, sollte es ein ganz normaler Zeitreise-Roman werden. Aber als sich die Geschichte entwickelte, habe ich eine neue, andere Geschichte entdeckt. Sie wurde mehr und mehr zu meiner eigenen Lebensgeschichte.

Mein Bruder hatte eine psychische Erkrankung, die unsere Familie auseinanderzutreiben schien. Ich begann, mich an meine Vergangenheit zu erinnern – wie einsam ich damals war, wie ängstlich, dass meine Freunde und die restliche Welt von meinem Bruder erfuhren. Ich habe damals den Fehler gemacht, zu denken, dass ich alleine damit zurechtkommen müsste. Ich hoffe, dass AWWY zeigt, dass dieser Gedanke falsch ist und man sich den Menschen in seinem Umfeld anvertrauen sollte.

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Hier zeigt Beth Revis, wie sie auf den Namen Amelia Rivers für eine Figur aus ihrem Roman „A World Without You“ gekommen ist.

Du bist bekannt dafür, ein großes Fangirl zu sein und dass viele Charaktere ihre Namen nicht von Ungefähr bekommen.

BR: Viele meiner Namen entstammen der Popkultur. Aber nicht nur aus dem Scifi- und Fantasy-Bereich. Phoebe, Bos Schwester, habe ich zum Beispiel nach der Schwester von Holden Caulfield, dem Protagonisten aus „Der Fänger im Roggen“, benannt.

Sofía wollte ich anfangs Penny nennen, eine Anlehnung an ein „Doctor Who“-Sachbuch von Russel T. Davies, in dem er eine Figur namens Penny beschreibt, die es nie in die Geschichten geschafft hatte. Ihre Geschichte wurde nie erzählt – das hat mich sehr an Sofía erinnert, da sie in AWWY kaum selbst auftritt. Und auch ihre Geschichte wird nie wirklich und zur Gänze erzählt.

Aber da ich bereits Phoebe hatte, wollte ich nicht zwei Namen von so wichtigen Charakteren mit P beginnen lassen. Darum wurde aus Penny Sofía – ein Name, der auch besser zu ihrer Herkunft passt.

Wieso hast du dich bei deinem Protagonisten in AWWY für Bo entschieden?

BR:  Den Namen Bo habe ich aus einer Geschichte, die ich vor Jahren geschrieben habe, die aber nie veröffentlicht wurde. Sie handelte von einem Jungen, der nicht lügen kann. Es war außerdem die erste Geschichte, die ich nach dem Tod meines Bruders geschrieben hatte. Mein Bruder war die Inspiration für AWWY. Das und die Frage aus der Geschichte, was Wahrheit und was Lüge, was Realität ist, hat dazu geführt, dass ich Bo Bo genannt habe.

Wieso hast du den Aspekt der Zeitreisen in den Roman eingebracht?

BR: Wenn wir mit einem Verlust umzugehen haben, hoffen wir immer auf das Unmögliche. Wenn wir jemanden, den wir lieben, verlieren, sind Kleinigkeiten wie die Realität nicht mehr wichtig. Realität ist nicht mehr so wichtig wie das, was wir als real empfinden. Oder wie Dumbledore schon sagte: „Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht wirklich ist?“ (J. K. Rowling, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“)

Kann Bo also durch die Zeit reisen oder nicht?

BR: In AWWY wird diese Frage beantwortet. Aber wer sorgfältig liest, findet vielleicht noch ein bisschen mehr …


[Beth Revis gab auch einen schönen Einblick in ihr Dasein als Autorin. Darüber werde ich bald in einem weiteren Beitrag berichten!]