Rezension „Die Tage, die ich dir verspreche“ von Lily Oliver: geht ans Herz, bleibt im Regal

Was passiert eigentlich nach dem Happy End?

Zuerst die Wochen, Monate, Jahre voller Furcht, dass es nie passieren würde. Dann die ersehnte Nachricht: Es gibt einen Spender. Die Zukunft ist plötzlich wieder konkret eine Möglichkeit. Fast schon ein Versprechen: Alles wird gut.

Aber stimmt das?

Herz Collage Die Tage, die ich dir verspreche

Wer möchte mein Herz?

Wer garantiert einem eigentlich den Happy-Aspekt des Happy Ends? Es ist ein Neuanfang, sagen alle. Jetzt wird alles wieder gut. Aber so fühlt sich Gwen nicht. Sie sollte glücklich sein. Sie hat das geschafft, worauf viele hoffen: Sie hat ein Spenderherz bekommen und kann nach langen Monaten im Krankenhaus und in der Reha endlich wieder nach Hause. Aber statt grenzenlose Freude spürt sie nur erdrückende Dankbarkeit: Wie zahlt man jemandem ein derartiges Geschenk zurück, das letzten Endes unfreiwillig gegeben wurde?

Tagsüber fühlt sie ihr neues Herz als einen Fremdkörper, nachts besucht sie ihr anonymer Spender in ihren blutigen Träumen. Die Wünsche und Hoffnungen ihrer Familie werden ihr irgendwann zu viel: Sie sieht nur noch einen Ausweg – ein Ausweg, der die Stimmen verstummen, die Träume verblassen lassen wird. Doch ihr Spender soll nicht umsonst gestorben sein. Daher beschließt sie, ihr Herz nicht zu behalten.

electrocardiogram-1922703_1920Herz zu verschenken

Noah sieht Gwens Aufruf in einem Forum für Herzkranke und hält sie für ein Fake. Wütend über so einen unsensiblen Scherz, antwortet er ihr – er wolle das Herz für sich –, nichtsahnend, dass sie noch am selben Abend vor seiner Tür auftauchen würde, bereit, ihm ihr Herz zu schenken.

Doch wie erklärt man einem verzweifelten Mädchen, dass man es angelogen hat? Wenn diese Lüge das Einzige ist, das sie davon abhält, das Unfassbare zu tun? Wie rettet man jemanden, der nicht gerettet werden will? Wie lebt man mit einer derart schweren Lüge, wenn man weiß, dass diese ein Leben retten könnte?

Ein wichtiges Thema, wunderschön präsentiert

In ihrem Roman „Die Tage, die ich dir verspreche“ traut sich Lily Oliver an ein Thema, das kaum jemand wirklich nachempfinden kann. Der Wunsch nach einem Sinn im Leben, nach einem guten Leben, das sich lohnt, gelebt zu werden – diesen Wunsch sollte dagegen wohl jeder verstehen. Oliver thematisiert einen Kampf, der scheinbar schon vorüber zu sein scheint, und doch in diesem fremden Herzen weiter ausgefochten wird. Narben, die man nicht sieht und die sich weigern, zu heilen.

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Ich fand das Thema des Buches ergreifend und sehr gut umgesetzt. Lily Oliver wählte mit Gwen und Noah die perfekten Figuren, aus deren Sicht sie den Leser Einblick in dieses kontroverse Geschehen gewährt. Dabei finde ich besonders Noahs Einarbeitung in die Geschichte sehr gelungen. In ihm findet man sich als Leser wieder, empfindet mit ihm die Panik vor dem Nicht-Verstehen sowie den Wunsch, zu retten.

Und doch: Er wird von der Autorin nicht ganz ahnungslos in die Geschichte hineingeworfen. Dadurch dass er nicht nur eine Chirurgin als Mutter hat, sondern auch selbst in Foren für Herzkranke aktiv ist, hat er das nötige Know-how, um nicht völlig unvorbereitet auf jemanden wie Gwen zu treffen. In vielen Büchern erscheint ein Aufeinandertreffen eines Außenstehenden auf einen Suizidgefährdeten sehr erzwungen, nicht authentisch.

Mit Noah schafft Oliver eine Brücke zwischen dem (was diese Situation betrifft) unerfahrenen Leser und der emotional anspruchsvollen Materie. Darüber hinaus ist er ein wunderbar runder Charakter, der selbst noch ziellos durchs Leben wandert und eigene Probleme hat, die nicht erst durch Gwens Auftauchen hervorgerufen werden, aber ihm durch sie vor Augen geführt werden.

Gwens Leben und Entscheidungen werden mit viel Gefühl geschildert; die tiefen Abgründe und Ängste, die ein Mensch empfinden kann, werden offen angenommen, und Gwen – und auch dem Leser – wird Raum gegeben, mit ihnen umzugehen. Ein wenig mehr hätte ich mir in Bezug auf ihre Familie erhofft, die einen Großteil des Romans in den Hintergrund verschwindet, aber das ist schon Nörgeln auf hohem Niveau.

[Vorsicht, leichter Spoiler in folgenden Absätzen; wenn nicht gewünscht, bei Fazit fortfahren:]

Meine einzige Befürchtung, die ich anfangs beim Aufbau der Handlung hatte, hat sich als unbegründet entpuppt: Noah wird nicht als sofortige und alles umschließende Lösung dargestellt. Auch er fühlt sich überfordert und hadert mit seinen Entscheidungen bezüglich Gwen.

Und auch Gwen sieht ihn nicht als einzigen Grund, womöglich ihre Pläne zu ändern. Danke, Lily Oliver, dafür. Das hatte mir lange Zeit Bauchschmerzen bereitet und hätte meine Meinung zum Buch zutiefst geändert. So kann ich aber nur sagen: Ein unbedingtes Muss!

buecherherz

Fazit

Plot:              bewertungbewertungbewertungbewertungbewertungminus

Charaktere: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Schreibstil: bewertungbewertungbewertungbewertungbewertung

Lily Olivers Zauber geht weiter

Ihr neuer Roman „Träume, die ich uns stehle“ ist Anfang November beim Knaur Verlag erschienen!

neues buch

 

 

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